Keine Angst, ich bin kein Mitarbeiter in einer Einkaufsgesellschaft für Kriegsgeräte. Aber nicht nur mich beschäftigen die schrecklichen Bilder, die immer wieder um die Welt gehen und Kriegshandlungen zeigen. Kriegshandlungen die Schmerzen, Tränen, Leid und Elend auslösen. Hinter jedem Mensch der betroffen ist steckt ein einzigartiges Schicksal.
Hohe Politiker wundern sich, wie heute, in unserem aufgeklärten 20 Jahrhundert, so etwas passieren kann. Ich wundere mich nicht, denn der Mensch ist eben nicht im Kern “gut”, wie allgemein gedacht wird, sondern böse von Jugend auf.
Gottes Wort ist aktuell. Eines der letzten Worte, die Jesus seinen Jüngern sagte, bevor er abgeführt wurde, lautet: “Wachet und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallet!” Matthäus. 26,41
Warum wachen, warum Wächter? Ganz einfach: weil es Feinde gibt. Es gibt Menschen – Mächte – Gewalten – die uns zerstören wollen, die uns das Wertvollste wegnehmen wollen, was wir haben – unsere Freiheit, unsere Familie, unsere Freunde, unseren Besitz, unsere Beziehung zu Jesus. Jesus will, dass wir wach sind und mit Feinden und Gefahren rechnen.
Verlassen wir einmal gegenwärtige Kriegsschauplätze und gehen in unser romantisches Mittelalter. Da wurden stolze Burgen erbaut. Nach welchen Kriterien ging man beim Bau vor? Die Aufmerksamkeit galt bereits der Wahl des Bauplatzes. Dabei hatten die Burgherren nicht nur den Feind im Auge, sondern auch sich selbst. Sie sahen zwei Realitäten: Erstens: ihre Schwachheit, und zweitens: die Stärke des Feindes. Die Frage lautete: wie können wir trotz dieser Situation überleben und sogar siegen? Um beides zu erreichen, wurden weithin sichtbar, doch schwer erreichbar, die Burgen auf einem hohen Felsen erbaut. Und damit nicht genug: sehr viel Geld steckten die Burgherren in den Bewachungsapparat ihrer Burg mit umlaufenden Wehrgängen. Wache also ringsum und rund um die Uhr. Warum dieser Aufwand? Die Burgherren rechneten mit Feinden – sie rechneten mit Gefahr, darum sorgten sie vor. So besaßen sie die Möglichkeit, dass sie kein Angriff unmittelbar treffen konnte. Ein Angriff ohne solche Vorsorge hätte schlimme Folgen gehabt. Wachen bedeutet: Vorsorge, was soviel heißt wie: kümmere dich vorher drum. Bei all ihren Planungen hatten die Burgherren den Feind von außen im Auge.
Beziehen wir das Beispiel auf uns: es gibt Feinde, die von innen kommen. Diese sind viel gefährlicher, als die Feinde von außen. Der Feind von innen ist nicht sichtbar. Er ist ein Teil von uns. Er lebt unter uns. Wir haben uns an ihn gewöhnt. Doch kein Haus kann bestehen, das in sich uneins ist.
Diese Gedanken erscheinen mir besonders wichtig in Bezug auf die Suchtproblematik. Der Süchtige hat den Feind in sich. Der Feind ist ein Teil von ihm. Manche sind blind für den Feind und schieben ihre Probleme weg. Andere ahnen, dass ihr Problem etwas mit ihrer Person zu tun hat. Die dritte Gruppe ist sich des Problems sehr wohl bewusst, kriegt aber die Kurve nicht. Die vierte Gruppe will nicht nur ihre Symptome bearbeiten, sondern auch ihr Problem, sie wollen weg und sie schaffen es.
Schauen wir uns das Ganze näher an und kommen dabei auf obiges Bild zurück. Da ist zunächst die Einsicht: Ich bin schwach, der Feind in mir ist stärker als ich. Ich brauche Hilfe. Was ist wirklich mit mir los? Irgendetwas in mir stimmt nicht. Was stimmt da nicht? Da gibt es “Mächte”, die mich nicht loslassen wollen, z.B. die Macht der Gefühle! Das übermächtige Gefühl, “saufen” zu müssen. Warum kann ein Gefühl eine dermaßen starke Macht bekommen? Weil hinter dem Gefühl ein Motto steht: “Ich will mir das nicht nehmen lassen!”, “Rede mir nicht rein!”, “Lass mich doch in Ruhe!”, “Ich mach, was ich will!” Wer so denkt, wird Wege suchen, seinen Willen zu verwirklichen.
Dazu ein Beispiel: Kurt ist wegen seiner Alkoholproblematik in einem Therapiezentrum in Deutschland. Seine Therapie ist bald abgeschlossen. Er bittet um Ausgang, um in seiner Heimatstadt eine Wohnung zu suchen. Hierfür wollte er sich auch an die Stadtverwaltung wenden, um dort einen Antrag für eine günstige Wohnung zu stellen. Die Sache klang vernünftig und niemand hatte Einwände dagegen. Mit dem Zug machte er sich auf den Weg. Zuerst erledigte er den offiziellen Teil, dann hatte er Zeit – auch Zeit für die Sucht. Und hier erreicht das Gefühl – endlich mal wieder ein Bier zu trinken – seinen Höhepunkt. Das Gefühl wurde zur alles beherrschenden Macht.
Als Kurt drei Tage später wieder im Therapiezentrum auftauchte, rollte man hier das Geschehen auf. Wie konnte das passieren? Kurt hatte im Vorfeld bereits mit Lügen gearbeitet. Sucht braucht Geld und so hatte er für diesen Tag “gespart”. Mit der Wohnungssuche hatte er auch einen echten Grund, in die Stadt zu fahren. Dies gab ihm ein reines Gewissen. Keinem würde so schnell auffallen, dass etwas nicht stimmt. Und das Geld, das gehöre sowieso ihm. Als Kurt nun in der Stadt war und alles erledigt hatte, irrte er noch eine Zeitlang herum. Er merkte irgendetwas war falsch. Er fing an zu beten: “Herr, bewahre mich!”, aber das Gefühl war stärker. Es hatte bereits die Macht übernommen. Warum?
Beim Gebet redet ja Gott in unser Leben, in unsere Lebenssituation hinein. Es ist das Motto, das tief in meinem Inneren andere Stimmen (auch Gottes Stimme) ablehnt: “Es hat mir niemand etwas dreinzureden!” Es war Kurts Motto, das ihn hinderte, von der Sucht wegzukommen.
Jesus sagt uns: “Wachet und betet.” Der Süchtige verabscheut die Wache. Es passt ihm nicht, wenn ihm einer dreinredet. Er hofft, dass keiner aufpasst. Er will machen, was er will.
Wenn nun ein Mensch mit einem Suchtproblem betet: “Herr, nimm mir das weg”, dann ist das nicht zielführend! Er macht damit ja wieder jemand von außerhalb verantwortlich, auf den er eigentlich gar nicht hören will. Es gibt ein zielführendes Gebet, das aber nur mit grundlegender Änderung der inneren Einstellung möglich ist: “Herr, ich bringe dir die Sache, die ich mir bisher nicht nehmen lassen wollte. Herr, ich bringe dir mein schönstes Gefühl.” Das heißt Abschied nehmen von einem Motto. Von einem zerstörerischen Motto! Doch dazu ist notwendig, dass aller Stolz zerbricht, denn der Stolze ist stark. Der Stolze braucht keinen Wächter. Dagegen braucht der Schwache Wächter. Der, der sich seiner Schwachheit bewusst ist, stellt Wachen auf.
Stellen wir Kurt einige Fragen: “Was brachte dir bisher die Sucht?” “Sicherheit, innere Ruhe und Gelassenheit. Ich bin gesprächiger als sonst, das gibt mir Anerkennung. Ich vergesse vieles, wenn ich trinke, an das ich sonst denke, und das gibt mir Entlastung.”
“Und wie sind die Anzeichen für einen neuen ‘Absturz’ bei dir?” “Zuerst fange ich an nervös zu werden. Danach bekomme ich ein Schwindelgefühl, als wenn ich gleich umfallen würde. Dann kommen die Gedanken an Alkohol: Hoffentlich schaff ich’s! In der Folge schlafe ich unruhig. Ich denke immer häufiger an Alkohol. Nun wird der Drang, Alkohol zu trinken immer mächtiger. Ich kann es nicht mehr aushalten und trinke!”
“Und an welchem Punkt kannst du die Sucht noch beherrschen?” “Wenn ich nervös werde.” “Bist du bereit, dann schon mit deinem Betreuer darüber zu reden? Denn, wenn du redest, Kurt, nimmst du dir ja die Möglichkeit trinken zu können. Willst du dir selbst die Möglichkeit nehmen?”
Beten heißt: Sprich! Rede mit Gott! Rede mit einer Vertrauensperson! Auf den Burgen des Mittelalters hätten alle Wachtürme nichts genutzt, wenn die Wächter ihre Beobachtungen nicht weitergegeben hätten. Der Süchtige trägt seine Wache in sich. Wenn er schweigt, ist der Rückfall, in vielen Fällen, nur noch eine Frage der Zeit. Zu Beginn reden, “wenn der Feind noch in der Ferne ist”, das bringt den Sieg. Wer redet – mit Gott, mit anderen, in einer Gefährdetengruppe, in der Seelsorge, der lüftet sein Geheimnis. Mit dem Lüften des Geheimnisses wird der Bann zerbrochen. Der Weg in die Freiheit ist schwer, aber er lohnt sich!
Joachim Stöbis
Verfasst von Joachim Stöbis
Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.
Aufgeschrieben von Joachim Stöbis