Lange warteten wir auf ein Kind.
Eines Tages kam Angelika nach einem Arztbesuch, freudestrahlend zu mir: „Ich bin schwanger!“ Wir hatten bereits vor Gott ein “Ja“ dazu gefunden, keine Kinder zu bekommen. Nun war es doch anders gekommen. Unsere Freude war groß. Es war spannend für uns, die Schwangerschaft zu erleben. Spannend war es auch, einen Namen auszusuchen. Endlich war es dann soweit. Die Wehen kamen.
Damals war es in Österreich noch nicht so, dass man als Ehemann so ohne weiteres bei der Geburt seines Kindes dabei sein durfte. Ich wollte aber gern dabei sein. So entschieden wir uns für ein Entbindungsheim, das in dem kleinen Ort Eberstalzell im Bezirk Wels von einer Hebamme geführt wurde.
Christian wurde am 16. Dezember 1977 geboren.
Auf den Tag genau waren wir drei Jahre in Österreich. Der Gesetzgeber hatte ein Gesetz erlassen, nach dem auch Ausländer Anspruch auf Geburtenbeihilfe haben, wenn sie wenigstens drei Jahre im Lande sind. Das traf bei uns nun genau (auf den Tag) zu.
Nun waren wir stolze Eltern. Unser Sohn sah prächtig aus. Nur sein Appetit bereitete Probleme, aber das würde sich schon geben. Wenige Tage später durfte Angelika mit ihm nach Hause und wir waren so dankbar, jetzt als Familie Weihnachten feiern zu können. Mit Christian hatten wir sogar unser eigenes „Weihnachts Christkind“.
Irgendetwas stimmt nicht
Doch irgendetwas schien mit Christian nicht zu stimmen. Die Appetitlosigkeit blieb. Anstatt zuzunehmen, nahm er an Gewicht ab. Dann wurde seine Haut gelb. „Na, ja, das haben Säuglinge manchmal. Die Leber muss erst richtig anfangen zu arbeiten!“ Doch nach Weihnachten gingen wir zum Arzt. Das Problem musste ein größeres sein. Denn eigenartigerweise war sein Stuhl auch ganz weiß. Es fehlte der Gallenfarbstoff darin.
Der Arzt überwies uns ins Krankenhaus nach Vöcklabruck. Hier lag Christian sechs Wochen. Die Ärzte probierten herum und erklärten uns, dass sie nicht wüssten, was die Ursache dieser Probleme war. Sie meinten, die Leber funktioniere nicht richtig. Es könnte eine Gallengangsatresie sein. Das bedeutet, dass es von der Leber aus keine Gallenwege zum Darm gibt. Das würde auch den weißen Stuhl erklären. . Die Ärzte selber schienen aber so hilflos, dass sie uns den Ratschlag gaben, in eine deutsche Klink zu gehen. Da wir aber in Österreich wohnten, half uns das nicht weiter.
Als nach einigen Wochen in diesem Krankenhaus nichts weiter passiert war, machten wir uns selber auf die Suche.
Mit der Information, die wir bis dahin von den Ärzten bekommen hatten, wandten wir uns an einen gläubigen Arzt in Kirchdorf an der Krems. Dieser wurde sehr schnell aktiv. Er sagte uns, dass es zwei Möglichkeiten in Österreich gäbe. Eine in Wien und eine in Graz. Beim Anruf in Wien wurde uns erst mal der Vorwurf gemacht, dass wir mit dieser Diagnose erst jetzt anriefen. Es hieß, unser Kind hätte bereits eine Leberzirrhose, denn wenn man bei dieser Diagnose nicht sofort operiert, dann ist eine Zirrhose unausweichlich.
Wertvolle Zeit war also im Vöcklabrucker Krankenhaus verstrichen.
Wir waren von der barschen Abfuhr des Wiener Arztes nicht sehr ermutigt. Also wandten wir uns an das Grazer Spital. Hier war es völlig anders. “Bitte kommen sie mit dem Kind hierher.” Der Arzt kannte sich fachlich gut aus und seine freundliche Art ermutigte uns, unser Kind nach Graz zu bringen.
Der äußerliche Kampf
Wir erklärten also den Vöcklabrucker Ärzten, dass wir unser Kind nach Graz ins Spital verlegen würden. Es war Ende Januar 1978. Ein kalter Wintertag. Der Transport mit der Rettung war eine Katastrophe, Angelika saß mit Christian alleine im hinteren, nicht beheizten Teil des VW Busses und war vom Fahrer und der Begleitperson, die auch vorne saß, durch eine Scheibe getrennt. So hatte sie nicht einmal jemand zum reden, während sie – selber frierend – Christian fest an sich drückte, um ihn wärmen zu können. Irgendwie sind die 200 km nach Graz dann doch vergangen und Christian blieb am Leben. In Graz kam er endlich in fachlich kompetente Hände.
In dieser Zeit beteten wir viel. Wir beteten, dass Gott hilft. Wir hatten uns so sehr auf unser ein Kind gefreut. Jetzt hatten wir zwar ein Kind und hatten es doch nicht.
Mit Christian begann für uns eine Lebensschule, die sehr hart war. Am Anfang einer solchen Zeit weiß man nicht, wohin sie läuft. Wir waren einer Situation ausgeliefert, deren Ausgang wir nicht wussten. Einfach alles war uns aus der Hand genommen. Hilflos standen wir daneben und mussten das Liebste, das Gott uns gegeben hatte, in die Hände anderer legen. Wie würde alles enden?
Fragen an Gott
„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Dein Stecken und Stab trösten mich.“ So heißt es im 23. Psalm.
Stecken und Stab – wie können die im Tal der Todesschatten trösten?
Einen Stab kannte ich vom Wandern. Manche Wanderer verwendeten einen Stock. Dieser hatte meistens eine Eisenspitze, die beim Gehen hörbar auf die Felsen schlug. Daran konnte ich erkennen, dass die betreffenden Kameraden noch in unserer Gruppe waren. Gott gab uns in der Zeit auch Zeichen, dass er mit ging.
Als wir Christian nach einigen Tagen das erste Mal in Graz besuchen durften, hatte ihn gerade eine Schwester im Arm und gab ihm die Flasche. Ich schaute die Schwester an und sagte: „Sie, kenne ich doch!“ Sie war die Tochter von Magnes. Ich hatte schon einmal in ihrer Gemeinde gepredigt. Sie war gerade erst auf diese Station gekommen, denn normaler Weise arbeitete sie nicht hier. Für uns war diese Frau wie ein Engel. Gott hatte sie in diesem Augenblick uns zum Trost zu unserem Kind geschickt. Gott tröstet, wenn wir ganz unten im Tal sind.
Dr. E. bestätigte die Diagnose des Vöcklabrucker Krankenhauses. Es bestand eine Gallengangsatresie. Nun stellte sich die Frage, ob innerhalb der Leber die Gallengänge vorhanden waren. Wenn ja, wäre eine OP sinnvoll, wenn nicht, dann wäre es schwierig. Nach einer japanischen Operationsmethode würde an der Leber unseres Kindes ein Stück seines eigenen Darmes angenäht und dann zum Darm weitergeleitet.
Hoffnungsvoll und gleichzeitig ängstlich fieberten wir dem Operationstermin entgegen. Sie fand am 16. März 1978 statt. An diesem Tag stand in der Losung: „Was ich jetzt tue, weißt du nicht. Du wirst es aber hernach erfahren!“ Dieser Vers wurde besonders Angelika zum Trost.
Nach der Op. rief ich im Krankenhaus an und der Arzt teilte uns erleichtert mit, dass die Operation gut verlaufen war. Ob innerhalb der Leber Gallengänge vorhanden waren, konnte er allerdings nicht sagen.
Christian kam erst einmal auf die Intensivstation, wo er gut versorgt war. Die Op war für den Arzt äußerst schwierig gewesen, weil unser Kind noch so klein war. und bei einem Säugling kaum Platz zum Arbeiten bleibt.
In den Tagen danach war die bange Frage: “Würde der Stuhl von Christian nun dunkel werden?“ Um es gleich vorwegzunehmen: Er wurde nicht dunkel, denn in der Leber waren keine Gallengänge angelegt. Zunächst warteten wir noch hoffnungsvoll. Vielleicht würde sich ja noch etwas verbessern. Aber es verbesserte sich nicht.
Christian blieb vier Wochen im Krankenhaus und wurde kurz vor Ostern entlassen. Wir freuten uns sehr, Christian wieder bei uns zu haben, aber wenn Gott kein Wunder tat, würde die Leberzierrose fortschreiten, was seinen Tot bedeuten würde.
Unser Glück währte nicht lange. Nach knapp einer Woche fing er schrecklich zu schreien an. Er musste wahnsinnige Schmerzen haben! Aber was war die Ursache?
Hilflos standen wir daneben und konnten nur noch beten. Wieder ging es die 200 km nach Graz ins Krankenhaus, um zu erfahren, was geschehen war. Es stellte sich heraus, dass Christian einen Darmverschluss hatte und sofort operiert werden musste. Die Operation erwies sich als schwieriger, als die vorherige. Um Stabilität in seinen Bauchraum zu bekommen, hatten die Ärzte eine Schiene quer durch den Bauchraum gelegt. Dazu bekam er zwei künstliche Darmausgänge, behielt aber auch seinen natürlichen Ausgang.
„Wie geht es jetzt weiter?“, war unsere Frage an die Ärzte. Diese antworteten, dass sie das auch nicht wüssten, sie seien erst einmal froh, dass das Christian überhaupt noch lebte.
Erst da erkannten wir, wie dramatisch diese Operation gewesen war. Christian lag nun wieder auf der Intensivstation, wo wir ihn besuchen konnten.
Wir verstanden das Ganze nicht. Gott schien weit weg zu sein. Warum musste unser Kind so viel leiden? Warum wird ein Mensch zum Sterben geboren? Es schien uns alles so sinnlos. Die Schläuche und Kabel an seinem Körper, das Piepen der Instrumente, die seinen Pulsschlag anzeigten, verwirrten uns. Wie konnten wir unserem Kind wirklich Vater und Mutter sein?
Man sagt doch, dass ein Kind gerade in den ersten Jahren der Entwicklung die Geborgenheit der Eltern braucht! Wie konnten wir ihm diese Geborgenheit geben
Wir konnten Christian immer nur wieder bei Gott abgeben: “Herr, sei du ihm Vater und Mutter. Tröste du ihn, wenn er Trost braucht. Gib du ihm das, was wir ihm nicht geben können und er doch so nötig braucht.“
Christian lebte weiter und konnte Stück für Stück von Kabeln und Schläuchen befreit werden. Aber welches Kind nahmen wir mit nach Hause? Zwei künstliche Darmausgänge sowie seinen natürlichen Ausgang musste – in den meisten Fällen – Angelika sauber halten. Oft stand sie mit Tränen am Wickeltisch und sagte: „Ich kann bald nicht mehr. Ich kann das Elend unseres Kindes bald nicht mehr mit ansehen.“ War Gott so hart, das er auf unsere Gebete nicht hörte? Liebe ist doch Zuwendung. Wo war die Zuwendung Gottes?
Dann mussten wir mit Christian wieder ins Krankenhaus. Die Schiene wurde wieder entfernt und die künstlichen Ausgänge wurden zurück operiert. Wieder waren wir von Christian getrennt. Endlich durfte er am 1. Juli 1978 nach Hause. Ein halbes Jahr hatte es gedauert und wir wussten nicht, was weiter geschehen würde. Wir konnten unser Kind nur bei Gott loslassen und im Heute leben. Bis zum 31. Juli 1979 war Christian noch bei uns.
Der innere Kampf
Nach langem Warten hatte Gott unsere Bitten erhört und uns ein Kind geschenkt. Wollte er es uns wieder weg nehmen?. Konnte das Sein Wille sein? Oder lag es an unserem Glauben? Mangelte es uns an Glauben? Das dachten wir zuerst nicht. Aber hatten wir so großen Glauben, dass Gott unser Kind gesund machen würde? Gott würde unser Kind vielleicht nur dann heilen, wenn wir richtig glauben würden. Zu glauben, dass Jesus heilen kann, war für uns überhaupt kein Problem, aber zu wissen, ob er es tun würde, war eine andere Sache.
Wenn man das erste Mal so eine Situation erlebt, kämpft man um die Erhörung seiner Gebete. Da glaubt man, durch einen großen Glauben kann man Gott ermöglichen, dass er handelt. Wir waren ziemlich durcheinander. Lag es wirklich an uns allein? Lag es an unserem richtigen Glauben? Die Lage, in der wir uns befanden, engte unser Denken auf das momentane Geschehen ein. Wir waren mit einer Situation konfrontiert, die uns völlig in ihren Bann zog. Wir suchten nach Antworten. Wir rangen danach, was wir tun konnten. Im Wort Gottes stehen doch klare Anweisungen, was wir tun sollten:
Matthäus 7,7-11: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wer ist unter euch Menschen, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete? oder, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete? Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!“
Also war “bitten” dran. Denn: Bittet, so wird euch gegeben, das war und ist eine feste Zusage Gottes. Auf sein Wort dürfen wir uns hundertprozentig verlassen kann. Wir beteten und beteten. Es lag an Gott unser Gebet zu erhören. Wenn wir also von Herzen bitten, würde Gott unser Kind gesund machen, ermutigten wir uns.
Aber Gott schwieg. War Gott auf Urlaub? Kann er nur leichte Fälle heilen? Lag es außerhalb seiner Möglichkeiten, eine nicht ausgebildete Leber zu erneuern. Diese (verrückten) Gedanken plagten uns. Wir wussten, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist, aber war dieses Wissen für uns jetzt eine Hilfe oder eher ein Problem? Auf der einen Seite war es eine Hilfe zu wissen, es lag in Gottes Möglichkeiten zu heilen. Auf der anderen Seite war es ein Problem, denn, wenn Gott alle Möglichkeiten zur Heilung hatte, warum heilte er dann nicht? Lag es doch an uns, lag es an mir, an meinem Glauben? War Sünde im Weg? Ja, Sünde begleitet uns immer. Wir waren überfordert und schwach, immer wieder gereizt. “O Herr vergib!”, war unser Gebet. Reinige uns von unserer Sünde, damit du erhören kannst. Heile unser Kind!
Mit viel Anstrengung versuchten wir, Gott in den Griff zu kriegen, damit er handeln würde. Aber stehen wir dabei nicht in der Gefahr zu einem christlichen Magier zu werden? Wir glauben, etwas tun zu müssen oder zu können, damit Gott seine Versprechen hält.
Irgendwann ließ das Kämpfen nach. Aber deswegen gaben wir unser Hoffen nicht auf. Die Frage nach dem “Warum” war unser ständiger Begleiter. Wer ein “Wozu” hat, erträgt fast jedes “Wie”, heißt es. Wozu also sollte das alles mit Christian gut sein?
Wir vertrauten einem Gott, der in seinem Wort Versprechungen schenkt, aber wir erleben, dass er seine Versprechungen nicht einhielt. Was sollte das alles bedeuten?
Es war ein Kampf zwischen Hoffen und Kämpfen sowie Verzagen und Verzweifeln.
Und Gott schwieg.
Wenn wir aber Gott nicht hören, heißt das nicht, dass er nicht redet. Wir wussten, Gott hatte alle Hilfsmöglichkeiten, ja er fordert uns sogar auf, seine Möglichkeiten zu gebrauchen: “Macht Kranke gesund!”, fordert er uns auf. In Matthäus 10,8 lesen wir: „Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.“ So schickt Jesus seine Jünger los. Galt das Wort nur für die Jünger damals und für uns Jünger heute nicht mehr? Das wollten wir nicht so glauben.
In Jakobus Kap. 5,14 + 15 steht: „ Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.“
Wir baten einige Freunde für Christian zu beten, so wie es in Jakobus steht, aber es geschah keine Heilung, so wie wir es erhofft hätten.
Nach seinen Krankenhausaufenthalten hatten wir Christian noch ein ganzes Jahr bei uns. Ja wir fuhren sogar mit ihm auf Urlaub nach Korsika. Er war trotz allem ein fröhlicher, kleiner Kerl. Zwar lernte er nie krabbeln, denn dazu war er zu schwach, aber einen Steckturm aufbauen und ineinander stecken war kein Problem für ihn. Wenn er Musik hörte, dirigierte er im richtigen Takt dazu. Bestimmte Melodien mochte er besonders gern. Wir waren dankbar für jeden Tag dieses Jahres. Aber, war das letzte Wort Gottes über Christians Leben, dass schließlich doch alles zu Ende ging, wenn sein kleiner Körper nicht mehr konnte?
Hiob: Verbündeter und Freund!
Ich las das Buch Hiob. Unsere Situation war natürlich nicht zu vergleichen mit der des Hiob. Hiob hatte an einem Tag zehn Kinder verloren sowie seinen ganzen Besitz, seine Mitarbeiter – einfach alles. Zehn Kinder, an einem Tag, da kommen mir die Tränen, wenn ich das höre. Wer kann das aushalten? Wie kann man das aushalten?
Wir hatten bis jetzt noch nichts verloren. Aber die Zeit des Wartens auf das Eingreifen Gottes, wie Hiob sie erlebte, war doch ähnlich mit unserer Situation. Was konnte uns Hiob sagen? Eines wurde uns wichtig, dass Hiob an Gott festhielt, auch wenn er das „Warum” nicht: verstand. Er sagte: (Hiob 19, 25) „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben.“
Wir wussten, dass unser Erlöser lebt und dass er auch in der “Sache Christian” das letzte Wort haben würde.
Im Buch Hiob ließen mich die Reden des Elihu aufhorchen. Elihu bedeutet: ER IST GOTT. Sein Name weist bereits auf Gott hin. Was sagt Elihu?
Hiob 34,12 „Ohne Zweifel, Gott tut niemals Unrecht, und der Allmächtige beugt das Recht nicht.“ Diese Aussage wurde für mich zu einem Felsen, an den ich mich klammern konnte.
Gott tat also kein Unrecht, wenn er die Sache mit unserem Kind zugelassen hatte. Gott tat auch kein Unrecht, wenn er unser Kind nicht gesund machte. Gott tat auch kein Unrecht, wenn er schwieg. Wenn es kein Unrecht war, dann war es auch kein Missgeschick Gottes, dass das mit unserem Kind passiert war. Es war auf eigenartige Weise in Ordnung bei Gott, so wie es jetzt war. Das war schwer zu verstehen. Wie kann es in Ordnung sein, wenn ein Kleines Kind so leiden musste? Wenn Gott etwas zulässt, trägt er dann nicht auch die Verantwortung dafür?
“Ohne Zweifel, Gott tut niemals Unrecht!” Diese Aussage gilt immer. Sie ist völlig unabhängig davon, wie es uns momentan geht, wie wir uns fühlen, oder was wir tun.
Ein paar Beispiele:
Wir liegen am Strand in der Sonne und genießen den Urlaub – Es stimmt, Gott tut niemals Unrecht. Wir stehen hilflos am Krankenbett unseres todkranken Kindes – Es stimmt, Gott tut niemals Unrecht. Wir mögen mitten in der Chemotherapie stecken – Es stimmt, Gott tut niemals Unrecht. Wir mögen in Sünde gefallen sein – Es stimmt, Gott tut niemals Unrecht. Wir mögen um des Glaubens willen im Gefängnis sitzen – Es stimmt, Gott tut niemals Unrecht.
Und wenn Gott zu allem schweigt? – Auch dann tut er nicht Unrecht.
Solange wir in der Sonne liegen und den Urlaub genießen, fällt es uns leicht, an die Güte Gottes zu glauben, wie es in Psalm 86,15 steht: „Du aber, Herr, Gott, bist barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue.“ Diese Wesenszüge Gottes verändern sich nicht. Sie gelten immer. Im Urlaub, mitten in der Krankheit, in der Not, sie galten, als Hiob am Tiefpunkt seines Leides angelangt war, und sie galten auch, als es uns in dieser Lage sehr schlecht ging!
Hiob hatte Gott Vorwürfe gemacht: „Sein Zorn ist über mich entbrannt, und er achtet mich seinen Feinden gleich.“ (Hiob 19,11)
Hatte Gott uns nicht auch wie Feinde behandelt, wenn er so mit dem umging, was unser Liebstes war? Warum ging Gott so unbarmherzig mit seinen Freunden um? Wir sahen uns doch als seine Freunde. Halt: “Gott tut niemals Unrecht.”
Aber Elihu war mit seiner Rede noch nicht zu Ende. Er ging sogar sehr “unsanft” mit Hiob um, denn dieser saß immer noch in der Asche, voller Geschwüre die ihn plagten. Elihu sagte:
„Du hast geredet vor meinen Ohren, den Ton deiner Reden höre ich noch: »Ich bin rein, ohne Missetat, unschuldig und habe keine Sünde. Siehe, Gott erfindet Vorwürfe wider mich, er betrachtet mich als seinen Feind; er hat meine Füße in den Block gelegt und hat acht auf alle meine Wege.“ (Hiob 33,8 – 12)
Siehe, darin hast du nicht recht, muss ich dir antworten; denn Gott ist mehr als ein Mensch.“
Gott ist mehr als ein Mensch.
Es ging also in der Sache in dem Schmerz wegen unseres Kindes um etwas, das ich nicht begreifen konnte, egal wie ich mich auch anstrengen mochte. Gott aber kannte sich aus. Er hat immer den überblick. In Jesaja 55,8 + 9 heißt es ja auch: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“
Vor Gott gab unsere Situation einen Sinn. Dass unser Kind und auch wir litten, war nicht sinnlos. Auch wenn es für uns nicht zu verstehen war, half es uns doch, zu wissen, dass dies alles nicht sinnlos war vor Gott.
Hiob ist als Mensch – mit menschlichen Argumentationen an Gott herangegangen. Er hat Gottes Handeln mit menschlichen Maßstäben gemessen. Aber muss es da nicht zu einem Konflikt kommen, denn himmelweit ist der Unterschied menschlicher und göttlicher Gedanken. Gott verurteilt uns nicht wegen unserer Fragen. Gott hält unsere Fragen aus. Er versteht uns, auch unser Ringen um eine Antwort. Unser Ringen nach einer Antwort kann uns zu seiner Antwort führen!
Ich entdeckte, dass es da gar nicht nur mehr um die Krankheit unseres Kindes ging. Es ging immer mehr um mich und meine Beziehung zu Gott. Gott wollte mit mir reden. Er wollte mich mehr über sich lehren.
Ich las weiter in den Reden des Elihu:
(Hiob 34,24 -29) „Er bringt die Stolzen um, ohne sie erst zu verhören, und stellt andere an ihre Stelle; denn er kennt ihre Werke, und er stürzt sie des Nachts, dass sie zerschlagen werden. Er urteilt sie ab wie die Gottlosen an einem Ort, wo viele es sehen, weil sie von ihm gewichen sind und verstanden keinen seiner Wege, so dass das Schreien der Armen vor ihn kommen musste und er das Schreien der Elenden hörte.- Wenn er sich aber ruhig hält, wer will ihn verdammen? Und wenn er das Antlitz verbirgt, wer kann ihn schauen unter allen Völkern und Leuten?“
Wenn er sich aber ruhig hält, wer will ihn verdammen?
Gott kann direkt eingreifen. Er kann die Stolzen von ihrem hohen Thron herunter holen.
So hätte er auch bei uns direkt eingreifen können. Er hätte auf unsere Gebete hören können. Aber wenn er sich ruhig hält, habe ich nicht das Recht ihn zu verdammen. Wenn er sich ruhig hält, dann hat er seine Gründe. Er tut also nichts Unrechtes oder macht grundlos etwas, sondern sein “nichts tun” hat einen Sinn.
Elohim
Aber in mir wühlte es. Ich kam mir vor wie ein Spielball. Gott machte es mir nicht leicht.
Würden wir Gott nicht am liebsten manchmal vorschreiben, wie er sich zu verhalten hat?
Aber wenn wir ihn nicht handeln sehen, heißt das nicht, dass er nichts tut. Wenn wir ihn nicht spüren, heißt das nicht, dass er nicht da ist. Elohim ist einer der Namen Gottes. Der Name Elohim bedeutet auch: “Der unsichtbar wirkende Gott!” Gott wirkt auf eine Weise, die sich unserem menschlichen Erfassungsvermögen entzieht. Den Sinn des für uns Sinnlosen erfassen wir oft erst viel später.
Wenn Gott sich still verhält, wenn wir dringend sein Eingreifen erhoffen, dann stehen wir in der Gefahr, ihm Vorwürfe zu machen. So hatte ich manchmal das Gefühl, dass uns bei unserem Kind die Zeit davonläuft. “Was ist wenn wir zu spät richtig glauben?” Ich schreibe hier bewusst auch meine “verrückten “Gedanken, die sich manchmal überschlugen.
Aber Gott ist in seinem Schweigen gerecht. Ihm läuft nie die Zeit davon. Was er will, geschieht immer zur rechten Zeit. Wollte Gott es bei uns auf die Spitze treiben? Würde er im letzten Moment kommen wie bei der Opferung Isaaks? Wollte er unseren Glauben prüfen?
Eliuhs Worte ließen mich nicht los. Er war ja nicht einer der Freunde, die Hiob auf falsche Gedanken gebracht hatten, so dass er Gott für schuldig erklärte und sich selbst für unschuldig. Elihus Reden führten direkt zur Rede Gottes an Hiob. Was sagt Elihu?
Hiob 35,9-14 „Man schreit, dass viel Gewalt geschieht, und ruft um Hilfe vor dem Arm der Großen; aber man fragt nicht: »Wo ist Gott, mein Schöpfer, der Lobgesänge gibt in der Nacht, der uns klüger macht als die Tiere auf Erden und weiser als die Vögel unter dem Himmel?« Da schreien sie über den Hochmut der Bösen, doch er erhört sie nicht. Denn Gott wird Nichtiges nicht erhören, und der Allmächtige wird es nicht ansehen. Nun gar, wenn du sprichst, du könntest ihn nicht sehen – der Rechtsstreit liegt ihm vor, harre nur seiner!“
Harre auf Gott
Der Rechtsstreit liegt ihm vor, harre nur seiner. In der Guten Nachricht wird der Vers mit den Worten übersetzt: Hab nur Geduld, dein Fall ist ihm bekannt.
Die “Rechtssache Hiob” lag auf Gottes Schreibtisch. Nehmen wir uns etwas Zeit dafür.
Hiob hatte Gott angeklagt. Auf Anklagen antwortet Gott aber nicht. Warum nicht? Weil er dafür nicht die richtige Person ist. Angeklagt kann nur eine Person werden, die schuldig ist. Gott ist nicht schuldig. Niemals. Darum schweigt er zu unseren Anklagen.
Wir müssen uns bewusst machen was Gott ist. Ist er Rechtanwalt und Richter.
Dann müssen wir uns auch bewusst machen was der Satan, der Gegenspieler Gottes, ist.
Was sagt Jesus Christus:
Johannes 8,44: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er Lügen redet, so spricht er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.“
Er ist ein Mörder und Lügner: Neben Mord und Lüge gehört etwas anderes zu Satans Hauptbeschäftigungen:
Offenbarung 12,10: „Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.“
Tag und Nacht klagt Satan uns bei Gott an. Erst verführt uns zur Sünde und dann verpfeift er uns bei Gott. Er jammert Gott Tag und Nacht die Ohren voll darüber, wie böse wir sind. In Wahrheit ist er der und das Böse in Person. Satan müsste unentwegt auf der Anklagebank sitzen. Wenn es uns schlecht geht, stehen wir in der Gefahr Gott auf die Anklagebank zu setzen. Aber dann begehen wir einen fatalen Fehler. Wir setzen nämlich unseren Rechtsanwalt auf die Anklagebank.
Wer soll uns dann noch in der Rechtssache vertreten? Gott ist unser Rechtsanwalt. Er gab seinen Sohn damit wir von der berechtigten Anklage des Anklägers freigesprochen werden. Gott ist auch unser Richter, aber sein Rechtsspruch lautet auf Freispruch, denn sein Sohn nahm unsere Strafe auf sich. Gott vertritt unsere Rechte. Bei ihm sind wir gut aufgehoben.
Der Fall “Christian” war Gott also auch bekannt. Unser Anliegen lag längst auf Gottes
Schreibtisch. Mir war dieses Wort des Elihu eine ganz wichtige Hilfe für unsere Situation. Ich wusste – auch wenn Gott schwieg, dass er trotzdem handelt. Er würde uns nicht im Stich lassen. Er kennt unsere Not und beschäftigt sich damit. Was uns weh tut, tut auch ihm weh.
Was möchte Gott für unser Leben?
Er möchte, dass wir uns zuerst mit ihm beschäftigen, nicht mit uns – denn er beschäftigt sich ja bereits mit uns – das reicht. Er zählt die Haare auf unserem Kopf. Er kennt auch die Körperzellen, die tiefer liegen. Er kennt auch die Krebszellen. Er ist auch informiert über die Dinge, die mir nicht bewusst sind. Er kümmert sich um die Dinge, um die ich mich noch nicht einmal kümmerte – denn wer zählt schon seine Haare?
Er beschäftigte sich mit unserem Fall. Er sieht uns und unsere Not!
Unser Gebet
Was bleibt uns, wenn wir ganz unten sind? Es ist das Gebet!
Vielleicht wie in Psalm 130,1-2+5-6: „Aus der Tiefe rufe ich Herr zu dir. Herr höre meine Stimme. Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens. Ich harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn.“
Es bleibt uns das Schreien zu Gott, ein Rechnen mit ihm, ein unterordnen unter das, was er zulässt. Erst in der Unterordnung unter Gottes unbegreifliche Wege kommt der Mensch zur Ruhe!
Trotzdem
Elihu redet weiter. Er ist noch nicht am Ende. “Ich habe noch etwas für Gott zu sagen” (Hiob 36,2), sagt er. Noch sind Worte da, die für Gott sprechen. Elihu lässt sich nicht irreführen durch das Leid des Hiob. Seine Grundeinstellung ist “für Gott”. Er steht mit seinem ganzen Leben hinter Gott, auch im Angesicht des Leides. Leid birgt immer die Gefahr in sich, sich von Gott abzuwenden. Dem können wir nur entgegentreten, wenn wir uns im Angesicht des Leides trotzdem auf Gottes Seite stellen. Es ist ein bewusstes “TROTZDEM” Ein trotzen dem, was sich in uns gegen Gott sträubt.
Ich las weiter: „Siehe, Gott ist mächtig und verwirft niemand; er ist mächtig an Kraft des Herzens.“ (Hiob 36,5)…er ist mächtig und verwirft niemand. Hiob war nicht von Gott verworfen worden, auch wenn es so aussah.
Dann waren also Angelika und ich auch nicht von Gott verworfen, sagte ich mir. Es schaute ja fast so aus, als wenn wir verworfen worden wären. Wenn Gott nicht erhört, fühlt man sich verworfen. Da ist Gott der liebende Vater, der mehr lieben kann, als jeder irdische Vater, aber der schweigt. “Ja Gott, warum schweigst du? Hast du mich verworfen? Gibt es dich am Ende gar nicht?“ Doch hier steht: Gott ist mächtig und verwirft niemand…Dann sind wir wohl doch nicht verworfen worden von dir!? Bei den Mächtigen der Erde ist das was anderes. Sie verwerfen die, die ihnen nicht nach der Nase sind. Willkürlich rotten sie aus, wen sie wollen. Diktatoren sind brutal. Du, Gott bist viel mächtiger als alle Mächtigen der Erde zusammen. Du nutzt Deine Macht nicht aus zum Vernichten. Ja ich darf sogar zu dir kommen. Du bist da!
Widerspruch
Aber wie werde ich mit diesem Widerspruch dieser Liebe, die sich als lieblos erweist, fertig?
„Den Gottlosen erhält er nicht am Leben, sondern hilft dem Elenden zum Recht.“ ( Hiob 36,6)
Er hilft dem Elenden zum Recht. Das war es, was wir wünschten. Wenn ein kleines Kind, wie unser Christian, so leiden muss, dann empfindet man ein bodenloses Unrecht. “Das ist doch nicht gerecht, wenn ein unschuldiges Kind leiden muss“, sagt man sich. Wir empfinden es eher als gerecht, wenn man als erwachsener leiden müsste. Als Erwachsene haben wir Schuld auf uns geladen, da könnte man noch Leid als Sühnung/Strafe verstehen. Aber wofür soll ein unschuldiges Kind bestraft werden? Ja man kann sogar noch einen Schritt weitergehen und fragen: Leidet unser Kind weil wir Erwachsenen schuldig sind? Das konnte doch nicht sein.
Du Vater im Himmel würdest unserem Kind, ja auch uns, zum Recht verhelfen. Was bedeutet „Recht“? Zuerst denken wir dabei in unserem Fall natürlich an Heilung. Dass Gott unserem Kind die Gesundheit zurückgibt. Die zurückgegebene Gesundheit hier auf der Erde. Eben so, wie Hiob es erlebt hatte. Er bekam alles wieder.
Aber war dies das wahre Verständnis für “Recht schaffen”? Meint Gott das auch so?
Ich klammerte mich an die Worte aus den Reden Elihus. Sie berührten mich. Aus ihnen schöpfte ich Hoffnung. Hatte Hiob daraus auch Hoffnung geschöpft? Auffällig ist, dass er nach der Rede des Elihu schweigt. Vielleicht musste er über das nachdenken, was Elihu sagte. Mir jedenfalls war es in der Not mit Christian eine große Hilfe.
„Er wendet seine Augen nicht von dem Gerechten, sondern mit Königen auf dem Thron lässt er sie sitzen immerdar, dass sie groß werden.“ (Hiob 36,7) Gott hat also die Seinen im Auge, wie eine Mutter, die trotz aller Arbeit ihr Kind im Auge behält. Er sieht, was wir machen. Das Gute und das Böse. Er sieht unsere Not, er weiß um alles was auf uns einstürmt.
Gott möchte natürlich, dass wir es so machen wie Jesus es uns vorgelebt hat. Wir sollen Gott auch ständig vor Augen haben. Erst dann kann er uns mit seinen Augen leiten. Wenn er seine Augen auf die Gerechten gerichtet hat, dann, um sie zu leiten.
„Und wenn sie gefangen liegen in Ketten und elend, gebunden mit Stricken, so hält er ihnen vor, was sie getan haben, und ihre Sünden, dass sie sich überhoben haben, und öffnet ihnen das Ohr zur Warnung und sagt ihnen, dass sie sich von dem Unrecht bekehren sollen.“ (Hiob 36,8-10)
Gott hatte uns, mit seiner Zulassung, in ein Gefängnis geführt. Wenn uns etwas Schreckliches passiert, ist das in den meisten Fällen eine göttliche Zulassung. Gott führt uns auch durch Dinge die er einfach geschehen lässt in unserem Leben.
Erlebtes Leid ähnelt einem Gefängnis. Wir können nicht mit dem Finger schnipsen und sind die Not los. Leid nimmt uns gefangen. Leid raubt uns gewissermaßen die Verfügungsrechte über uns.
Ich musste erkennen, dass ich als Kind Gottes nicht über mich verfügen kann.
Auch Jesus konnte nicht über sich verfügen. Auch er bat darum, dass der Kelch an ihm vorüber gehen mochte. Aber der Kelch ging nicht an ihm vorüber. Der Kelch musste von ihm ausgetrunken werden. Jesus war es wichtiger, dass er den Willen Gottes tat, als selber über sein Leben zu bestimmen. Gerne würden wir den Kelchen unseres Lebens ausweichen. Wir müssen sie auch nicht suchen, aber wir sollten bereit sein, sie zu trinken. Jeder Kelch hat seinen Sinn. Jesus trank den Kelch und schuf damit unsere Erlösung von unseren Sünden
Wohin wollte Gott uns haben? Wohin wollte er mich haben?
„Gott öffnet das Ohr zur Warnung.“ Hiob??. Das klang wenig tröstlich in unserer Situation. Er möchte, dass wir anfangen, seine Erziehung an uns zu bejahen. Dass wir lernen ihn zu hören und ihm zu folgen.
„Gehorchen sie und dienen ihm, so werden sie bei guten Tagen alt werden und glücklich leben. Gehorchen sie nicht, so werden sie dahinfahren durch des Todes Geschoß und vergehen in Unverstand. Die Ruchlosen verhärten sich im Zorn. Sie flehen nicht, auch wenn er sie gefangen legt; so wird ihre Seele in der Jugend sterben und ihr Leben unter den Hurern im Tempel.“ (36,11-14)
Gehorsam und Ungehorsam haben Folgen. Aber welche? Hiob war Gott gehorsam. Aber welche Not machte er gerade durch? Und Jesus war auch Gott gehorsam, aber was bedeutete das für ihn? Phil.2.8-9: „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist.“ Dem Gehorsamen verspricht Gottes Wort nicht unbedingt ein langes Leben.
Wer Gott gehorsam ist, wird den Sieg bekommen. Auch wenn der Sieg erst in der Ewigkeit zur Vollendung kommt. Gott den Gehorsam zu verweigern bedeutet mit den Worten aus obigem Bibelvers: Tod im Unverstand. Das heißt: Wer Gott nicht gehorcht ist dumm (und wird immer dümmer), auch wenn er voller Weltweisheit ist.
Aber worin bestand nun unser Gehorsam? Sicher erst einmal durch den nächsten Schritt.
Auf Gott hören
„Aber den Elenden wird er durch sein Elend erretten und ihm das Ohr öffnen durch Trübsal“ (Hiob 36,15)
Hiobs Elend war entsetzlich. Er saß in der Asche und kratzte seine Geschwüre. Eine andere Erleichterung gab es nicht. Gott gab ihm auch keine Erleichterung. Seinen drei Freunden waren die Worte ausgegangen, was auch gut war. Sie hatten Hiob genug damit gequält. Nun sollte ihn sein eigenes Elend erretten? Sein Ohr würde geöffnet werden durch Trübsal?
Trübsal öffnet uns das Ohr. Wenn wir das nicht zulassen, fangen wir an zu fluchen. Unser Leben schien uns verflucht zu sein, aber Fluchen war keine Lösung. Fluchen ist ein Gefängnis, denn letztlich trifft der Fluch wieder uns selber. Fluchen befreit nicht, aber Fluchen verbittert.
Errettet werden aus der Not, darauf kam es dem Hiob doch an. Endlich raus aus der Gefangenschaft der Krankheit und des Verstoßen seins.
Trübsal öffnet das Ohr. Weil man nach Antworten schreit, sucht man sie, will man hinhören.
Ich wusste: “Gott hat die Antwort auf meine Fragen!” Doch wann würde er sie geben? Wann würde sein erlösendes Wort kommen, dass er unserem Kind das Leben neu schenkt!” Aber warum sollte Gott mich erhören? Es gab doch genug Kinder die auch einfach so starben.
Wie würde Gottes Antwort für uns aussehen? Was würde sein Ziel sein? Was sollte der Sinn dieses Elends sein?
Ich musste bei dem Wort: „Aber den Elenden wird er durch sein Elend erretten“ an Jesus denken: Aber – Gott setzt ein „Aber“ davor. Ein Aber ist ein Einspruch. Gott selber hat einen Einspruch gemacht. Er lässt dem Elend nicht ungehindert seinen Lauf. Der Teufel soll nicht denken, er kann immer so weiter machen. Gottes ABER wurde eine Person – Jesus. Den Elenden, wird er durch SEIN Elend erretten. Durch das Elend, das er selber auf sich genommen hat durch Jesus am Kreuz.
Das Elend Jesu wird den Durchbruch zur Befreiung aus meinem Elend bewirken.
Elihu hatte bis zu dieser Stelle allgemein geredet. Nun wird er ganz persönlich. Er wendet das Gesagte auf Hiob an. Mögen die Probleme noch so groß sein, es gilt, auf Gottes Wort zu achten.
„So reißt er auch dich aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, wo keine Bedrängnis mehr ist; und an deinem Tische, voll von allem Guten, wirst du Ruhe haben.“ (36,16)
Hiob hatte wahrlich den Rachen der Angst kennen gelernt. Würde noch etwas kommen, das ihn endgültig zugrunde richtete? Hiob war des Leidens müde. Der Rachen der Angst gibt seine Beute so schnell nicht her. Menschen mit einer Phobie kennen das. Sie möchten so gern schnell überwinden, aber der Rachen der Angst lässt sie nicht so schnell los.
Bei Gott aber ist Freiheit. Er wird nicht zulassen, dass der Rachen der Angst die Seinen für immer gefangen halten kann.
Bei Gott ist weiter Raum und dahin will er die Seinen führen. Einzelhaft in engen Zellen ist eine Erfindung des Menschen. Bei Gott aber ist Weite. Wie weit Gott ist, erkennen wir deutlich am Universum. Die Größe der Sterne ist schon erstaunlich, aber noch erstaunlicher ist die Weite zwischen den Sternen.
Geistlich gesehen führt Gott jeden Menschen, den er von seiner Schuld befreit, in seine Weite.
Aber nicht nur Sünde führt in die Enge sondern auch Not. Aus dieser würde Gott Hiob herausholen, davon war Elihu fest überzeugt. Das sind mutmachende Worte für einen geplagten Menschen.
Würde Gott uns auch in diese Weite führen? Würde er uns herausführen aus dem Rachen der Angst? Würde er uns herausführen aus der Angst vor dem Tod unseres Kindes? Würde er uns herausführen aus der Angst, dass Gott anders entscheidet, als wir erhofften. Würden wir an einem Tisch voll mit Gutem Ruhe finden? Würde Christian uns neu geschenkt werden?
Anfechtung und Flucht
Elihu denkt, dass Hiob mit falschen Reaktionen Gottes Handeln auch verzögern, ja erschweren könnte. Letztlich würde er aber sein eigenes Los erschweren. Das möchte Elihu nicht, darum sagt er:
„Wenn du aber richtest wie ein Gottloser, so halten dich Gericht und Recht fest.“ (Hiob 36,17) Jede Not ist eine Anfechtung für uns. Sie kann uns zu falschen Reaktionen “verführen”. Darum gilt es, wachsam zu sein. Die Auswege aus der Not sind so verschieden, wie wir Menschen verschieden sind, doch es gibt bestimmte Grundformen der Flucht aus der Not.
Beschuldigen
Auch als Christen stehen wir in der Gefahr, wenn wir in eine Notsituation geraten sind, zu richten wie ein Gottloser. Wir suchen einen Schuldigen und in unserem Eifer finden wir schnell jemanden und denken: Meine Eltern sind an allem Schuld. Oder: Meine Mitmenschen sind an allem Schuld. Mein Vorgesetzter ist an allem Schuld. Schließlich: Gott ist an allem Schuld.
So werden andere und Gott vor Gericht gezogen, als wären sie an unserem Unglück Schuld.
Allerdings ist es keine wirkliche Hilfe für uns, wenn wir beschuldigen. Mit dieser Methode stellen wir uns vielleicht sogar gegen die, die uns Helfer sein könnten. Im schlimmsten Fall gehen wir an Gott vorbei.
Wir stehen auch in der Gefahr das zu verpassen, was Gott durch diese Not in uns bewirken möchte. Mit Richten versperren wir Gott den Weg für sein Heil und bleiben dabei außerdem Gefangene unserer Not.
Zorn
Die zweite und dritte Möglichkeit der Notbewältigung ist ebenso zu verwerfen wie die erste. Elihu sagt: “Sieh zu, dass nicht dein Zorn dich verlockt oder die Menge des Lösegeldes dich verleitet.” (Hiob 36,18)
Zorn und Lösegeld sind keine Mittel zur Notbewältigung.
Wir machen ja, wenn wir in Not geraten eine Palette von Gefühlen durch. Eine davon kann Zorn sein. Zorn ist nicht grundsätzlich schlecht… Zorn ist auch mal „normal“ – und Gott versteht uns auch, aber wir sollen ihn nicht manipulativ einsetzen oder im Zorn verharren! Mit Zorn lässt sich manches erreichen. (Wenn der Papa zornig ist, springen alle anderen.)
Aber Gott springt nicht, wenn wir zornig sind. Sicher darf ich mit Allem zu Gott kommen, auch mit meinem Zorn. Aber Zorn als Rebellion beeindruckt Gott nicht.
Zorn zeigt nur, welche Rebellen wir sind und welche Rebellion in uns steckt. Wenn wir zornig sind, dann zeigt uns Gott eigentlich erst einmal, wer und wie wir sind. Was wir da sehen ist oft wenig schmeichelhaftes. Wir hätten nicht gedacht, dass wir so sind, wie wir sind. Not offenbart unseren wahren Charakter. Wenn wir im Zorn verharren kommen wir bei Gott nicht weiter.
Lösegeld
Die dritte Möglichkeit der Notbewältigung wird mit „Lösegeld“ beschrieben. Wie kommen wir mit Lösegeld aus der Not heraus? Lösegeld wird von Geiselnehmern für die Freilassung ihrer Geisel gefordert. Ein unschuldiger Mensch wird gefangen genommen und die “Besitzer” der Geisel erpressen nun dessen Angehörige. Was soll uns das hier sagen?
Lösegeld fordern heißt doch, den Versuch zu unternehmen, auf Kosten anderer zu seinem vermeintlichen Recht zu kommen. Das ist Erpressung, keine vertrauensvolle Bitte. Ein ungeheurer Druck wird auf andere ausgeübt.
Sollen wir auf andere Druck ausüben, damit es uns besser geht? Unsere Forderungen an andere gleichen manchmal mehr einer Erpressung, als einer vertrauensvollen Bitte.
Beten als Druckmittel zur Befreiung aus der Not scheidet also auch aus.
Sackgassen
Aber Elihu ist noch nicht fertig. Wir Menschen sind einfallsreich in unserer Suche nach einem Ausweg aus der Not, darum sagt Elihu: “Wird dein Geschrei dich aus der Not bringen oder alle kräftigen Anstrengungen?” (Hiob 36,19)
Hier werden wieder zwei Möglichkeiten aufgezeigt, mit denen wir versuchen uns aus der Not zu befreien: Geschrei und Anstrengungen.
Manchmal werden wir recht kindisch wenn wir in Not geraten und wir schreien wie Kinder. Ich meine hier nicht echte Tränen der Verzweiflung. Hier geht es um ein ungutes auf sich aufmerksam machen: “Seht ihr denn nicht, wie es mir geht? Warum kommt denn keiner und tröstet mich?” Geschrei wendet sich an die Menschen als Helfer aus der Not. Aber können uns Menschen wirklich aus unseren tiefsten Nöten befreien?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen uns letztlich nicht helfen können. Das kann nicht einmal unser Ehepartner oder unser bester Freund. Einander in der Not zu trösten ist zwar schon eine große Hilfe, aber in den tiefen Abgrund unserer Not hat nur Gott Zugang. Es geht mir nicht darum, Menschen den Zugang zu unserem Herzen zu verwehren, aber Gott allein hat den wahren Trost der tröstet. Er tröstet, wie einen seine Mutter tröstet.
Ein weiterer Versuch ist, die Not mit Anstrengungen und Arbeit zu vertreiben. Irgendetwas müssen wir doch tun können, um selbst aus der Not herauszukommen. Wir wollen doch nicht nur herumsitzen. Jeder, der in Not gerät, wird auf irgendeine Form aktiv werden. Aber Aktivität allein löst nicht die Not. Mehr tun bedeutet nicht, dass es automatisch besser geht. Eine höhere Dosierung bei der Chemotherapie garantiert nicht Heilung, sondern kann den Patient noch mehr schwächen.
Aktivität kann Zur Droge werden, sie kann Flucht vor der Auseinandersetzung mit sich selbst sein. Flucht aber bewirkt keine Bewältigung des Leides. Sie mag zwar den stärksten Schmerz verdrängen, aber sie lässt unbewältigten Schmerz oder auch Menschen im Leid zurück. Wie viele Ehepartner sind schon ihrem, in eine unheilbare Krankheit geratenen Partner, davongelaufen? Damit haben sie zwar ihre Not scheinbar erleichtert, aber die Not des andern umso unerträglicher gemacht.
Es gibt noch mehr Wege der Not zu entrinnen. Elihu spricht mit Hiob: “Sehne dich nicht nach der Nacht, die Völker wegnimmt von ihrer Stätte!” (Hiob 36,20) Nacht, als Hilfe aus der Not. Was ist hier gemeint? Wie ist das zu verstehen?
Viele Menschen wählen die „Nacht“, den Selbstmord, um der Not ein Ende zu machen. Das Elend ist dadurch zwar abrupt beendet, aber Gott kann man nicht ausweichen. Mit dem, wovor man floh, steht man erneut vor Gott. Selbstmord ist kein Mittel der Problemlösung. Es ist nur ein Ausweichen – ein Wegschieben.
Welch ein Elend machen auch oft die Angehörigen derer durch, die durch Selbstmord der Not davon gelaufen sind. Warum? Ein Mensch, der stirbt, kann auf angemessene Weise betrauert werden. Ein Selbstmörder kann nicht auf angemessene Weise betrauert werden, denn oft schämen sich die Angehörigen. Zudem leiden die Angehörigen mehr unter dem Selbstmord der Person, als wenn sie auf natürliche Weise gestorben wäre. Hier wäre besonderer Trost notwendig. Aber aus Hilflosigkeit wenden sich die meisten Menschen ab. Der Tod kann keine Lösung zur Bewältigung des Lebens sein.
Also gibt Elihu Hiob zu bedenken dass der selbst herbeigeführte Tod nur eine weitere Sackgasse ist.
Dann spricht Elihu von einer letzten Sackgasse der Notlösungsversuche: “Hüte dich und kehre dich nicht zum Unrecht, denn Unrecht wählst du lieber als Elend!” (36,21)
Wer wählt schon gerne Elend. Viel leichter ist es, auf Unrecht mit weiterem Unrecht zu antworten. Aber wo wir Unrecht tun, da kommen wir nicht zur Ruhe. Auch wenn wir für den Augenblick Entlastung finden, wird die Not immer tiefer. Unrecht tun ist also auch kein Weg um aus der Not herauszufinden.
Alle eigenen Versuche, der Not zu entkommen kosten uns Kraft. Sie kosten auch Kraft, weil es EIGENE Wege sind. Auch wenn unsere eigenen Wege uns am leichtesten fallen, kann Gott sie nicht gelten lassen. So sehr wir auch selber aktiv werden wollen, wenden wir dabei doch schnell den Blick von Gottes Wegen. Eigene Wege sind niemals Gottes Wege.
Der Ausweg – Gott ist groß
Hat nun Elihu überhaupt einen Ausweg für Hiob? Oder ist er wie einer der drei anderen Freunde die Hiob in die Verzweiflung führten?
Ja, Elihu hat einen Ausweg für Hiob. Aber zuvor richtet er Hiobs Blick noch auf die Größe Gottes: (bevor er ihn nennt, sagt er ihm einen erstaunlichen Gedanken): “Siehe, Gott ist groß in seiner Kraft; wo ist ein Lehrer, wie er ist?” (Hiob 36,22)
Gott ist groß in seiner Kraft. Dies war ein Gedanke, der mir in der Situation mit Christian geholfen hat. Ich sagte mir: Wenn Gott groß ist in seiner Kraft, dann hat er Lösungsmöglichkeiten, die außerhalb meiner Kraft liegen. Gottes Lösungsmöglichkeiten sind kraftvoller.
Wie diese im Einzelfall aussehen, entzieht sich aber unserem Einfluss.
(Wo ist ein Lehrer wie er ist?) Wenn Gott mein Lehrer ist, dann bin ich automatisch in der Position eines Schülers. Er ist der Lehrende ich der Lernende. Der Unterrichtsstoff ist das Leben, so wie es gerade ist. Was muss /darf/soll ich lernen? “Wer will ihm weisen seinen Weg, und wer will zu ihm sagen: »Du tust Unrecht«?” (Hiob 36,23)
Wie Gott mit der Notsituation in unserem Leben fertig werden würde, wussten wir nicht. Es war uns alles aus der Hand genommen. Gott lässt sich keine Vorschriften machen.
Hilflosigkeit ist demütigend. Aber hing nicht Jesus auch so am Kreuz? Völlig hilflos war er ausgeliefert und er wehrte sich nicht dagegen. Er wurde eben nicht selbst aktiv, wie wir es gern tun. Auch wenn ihn der Vater verlassen hatte, blieb er in dieser demütigenden Hilflosigkeit. Völlig nackt vor aller Welt ließ ihn Gott dort hängen, bis er starb. Menschlich gesehen auf jeden Fall sinnlos. Aber den Willen Gottes im eigenen Leben annehmen und zulassen ist immer sinnvoll.
Und nun führt Elihu Hiob an einem entscheidenden Punkt: “Denk daran, dass du sein Werk preisest, von dem die Menschen singen.” (Hiob 36,24) Statt zu klagen, Hiob, lobe Gott!
Ja Gott wollte, dass ich ihn auch in unserer Not preise. Ich weiß nicht mehr wie ich das damals geschafft habe. Ich sagte mir: Nicht ich bin wichtig. Nicht meine aussichtslose Lage ist wichtig. Nicht meine Not ist wichtig. Ganz allein Gott ist wichtig.
Irgendwie habe ich gelernt, Gott dafür zu danken, dass er weiß wozu Christians Krankheit gut ist. Aber ich denke, auch wenn ich Gott pries, so doch mehr, indem ich mich meinem „Schicksal“ fügte, als dass ich von der Richtigkeit dessen, was Gott tat, überzeugt war.
Als ich dann im Buch Hiob weiter las, wurde ich fast zornig. Denn ich konnte nicht verstehen, warum Gott hier in der Not Hiob über die Schöpfung spricht. Manchmal können wir über unsere Sorgen Gott nicht verstehen.
Da spricht Gott direkt von seiner Schöpfung. Ich sagte mir, was soll das? Hiob hatte doch ganz andere Sorgen als die Schöpfung. Der sitzt doch in der Asche und kratzt sich. Was soll da der Hinweis auf die Schöpfung? Also legte ich die weiteren Kapitel aus Hiob beiseite. Später sollten sie mir ganz wertvoll werden.
Ein Leben geht zu Ende.
Es war Ende Juli 1979. Christian ging es in diesen Tagen nicht gut. Sein Körper war ziemlich aufgedunsen, denn die Leberzierrose war weit fortgeschritten und es hatte sich viel Wasser in seinem kleinen Körper angesammelt. Nun sollte im Bezirkskrankenhaus durch eine Punktion das Wasser aus seinem Körper entfernt werden.
Am 30. Juli brachten wir ihn dorthin. Eltern durften damals die Kinderstation nicht betreten. So gaben wir unser Kind ab. Christian schrie schrecklich. Er hatte Angst und wir hatten auch Angst. Wir durften nicht bei ihm bleiben. Doch was sollten wir tun? Wir brauchten doch die Hilfe der Ärzte. Wieder mussten wir unser Kind in die Hände anderer geben. Es war das letzte Mal dass wir Christian schreien hörten.
Am nächsten Tag, dem 31. Juli, war der Geburtstag von Angelika.
Auf dem Weg ins Krankenhaus machten wir noch einen Besuch in Rutzenmoos. Recht unbekümmert fuhren wir von dort aus weiter, um Christian vom Krankenhaus abzuholen. Er sollte bei uns sein, wenn wir den Geburtstag von Angelika feierten. Wir hofften, dass er ohne Schmerzen dabei sein konnte.
Als wir im Krankenhaus ankamen, durften wir auf einmal die Kinderstation betreten. Eine Schwester führte uns an sein Bettchen. Sie blieb nur kurz da und beantwortete unsere Fragen.
Christian lag bereits im Koma. Neben ihm zwei Krüge mit Körperflüssigkeit. „War soviel Wasser in seinem Körper?“ „Ja, das ist alles von ihm!“ Wir nahmen unseren Sohn in unsere Arme. Unsere Unbekümmertheit war verflogen. Die Schwester konnte nur schwer ihre Tränen unterdrücken. Christian wurde zum Sterben nach Hause entlassen. Die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. Mir war bewusst, dass Christian heute noch sterben würde. Auf dem Weg nach hause teilte ich Angelika meine Gedanken mit. Sie wünschte: „Bitte nicht heute! Denn jeder Geburtstag wird mich dann an seinen Tod erinnern.“ Zu Hause angekommen, benachrichtigten wir Freunde und Bekannte. Sie kamen zu uns und wir saßen wartend und betend in unserem Wohnzimmer zusammen. Gegen 10 Uhr Abends starb Christan in den Armen von Angelika. Der Arzt kam stellte den Tod fest, der Bestatter kam und holte Christian ab. Die Freunde gingen. Jetzt waren wir allein.
Gott hatte kein Wunder getan. Hatten wir etwas falsch gemacht? Hatten wir nicht richtig geglaubt? Wir waren wie betäubt. Wir lebten zwar noch hier in Gmunden, aber eigentlich gehörten wir nicht mehr hierher. Alles schien uns weit weg zu sein.
Aber unsere Mirjam ist noch da. Von ihr habe ich bis jetzt noch nicht erzählt.
Mirjam – Gott tröstet die Trauernden
Schon als Christian ein Jahr alt gewesen war, wurde unsere Tochter Mirjam geboren. In dieser Zeit hatten wir zu all der Not auch noch massive Eheprobleme. Wir wussten nicht, was los war und leider hatten wir in dieser Zeit nicht die nötige Hilfe, um mit unserer Not fertig zu werden. Doch Gott war da. Dieses Wissen gehört zu den wichtigsten Erfahrungen meines Lebens:
Normalerweise erwarten wir von Gott immer das Gute – den Segen: das Gelingen unserer Aufgaben, das Gelingen unsere Ehe, das Gelingen unserer Ziele. Aber handelt Gott nicht oft ganz anders? Oft hat haben wir doch den Eindruck, Gott hätte sich zur Ruhe gelegt. Wir haben um Bewahrung gebetet, aber Gott hat nicht bewahrt. Also: Hat Gott sich zur Ruhe gelegt? NEIN! Gott war da – in allem, was er zuließ!
Wenn er Dinge in unserem Leben zulässt, die uns nicht gefallen, dann kommt er durch diese Dinge zu dem Ziel, welches er sich gesteckt hat. „Gibt es ein Unglück in der Stadt, was der Herr nicht tut?“ Amos 3,6
Gott war also auch in den Schwierigkeiten und Spannungen unsere Ehe da. Er half uns vorwärts und schenkte Heilung. Aber diese Heilung war damals noch nicht tief greifend genug. Erst nach Jahren, im Gespräch mit einem Seelsorger kamen wir drauf wie unterschiedlich zum Beispiel unsere Streitkultur war. Wie man sich streitet“ lernt“ man im Elternhaus. Wenn im Elternhaus von Angelika gestritten wurde, dann war die Luft nach dem heftigen Gewitter tatsächlich rein. Dann war die Sache ausgeredet. In meinem Elternhaus war das ganz anders. Wenn in meinem Elternhaus ein Gewitter war, kamen von meinem Vater Blitz und Donner. Meine Mutter oder auch ich zogen uns zurück, denn es hatte keinen Sinn zu reden, denn Papa hatte immer recht und wenn man mal was sagte machte man regelmäßig die Erfahrung das er noch wütender wurde. So war Schweigen und Schlucken meine Streitkultur. Angelika war der Meinung, wenn sie mit mir „gewittert“ hatte, dann war alles ausgeredet. Dem war aber nicht so. Ich hatte nur geschluckt und geschwiegen. Heute habe ich gelernt zu agieren und zu reagieren wenn es um Streit geht. Aber, wenn ich jetzt so nachdenke, wir haben uns schon lange nicht mehr gestritten. Ich weiß nicht mehr wann es das letzte Mal war, das wir uns gestritten haben. Angelika wüsste es vielleicht noch.
Doch zurück zu Mirjam. Natürlich liebten wir sie genau so wie Christian, aber die Erkrankung Christians stand im Vordergrund. So kamen Mirjams Bedürfnisse im ersten halben Jahr sicher (manches Mal) zu kurz.
Eigentlich hätte sie ja gar nicht geboren werden dürfen. Die Ärzte hatten uns untersucht ob die Ursache für Christians Erkrankung genetisch sei? Obwohl die Befunde negativ ausfielen, hatte man uns geraten, die nächsten Jahre keine Kinder zu bekommen. Doch als wir diesen Hinweis bekamen, war Angelika bereits wieder schwanger. Und das war sehr gut so.
Denn als Christian starb, war es für Angelika eine große Hilfe, dass der Wickeltisch nicht leer war. So wurde Mirjams Leben uns zum Trost in der Trauer. Und Mirjam konnte lachen und war fröhlich wie ein Kind mit einem halben Jahr fröhlich sein kann – sie wusste nichts vom Tod.
Jesus sagt: Wahrlich, ich sage euch: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet (so unbekümmert im Vertrauen) wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“
Vertrauen wie ein Kind
Ein Kind kommt zu uns, so wie es ist. Mit Rotznase, zerrissener Hose, kaputten blutigen Knien und schmutzig, weil es wieder mal gefallen ist läuft es vertrauensvoll in unsere Arme. Weinend, verzweifelt, lachend, hungrig, trotzig, zornig, stürmisch, still sucht es Halt bei uns. Ein Kind tröstet sich nicht selbst durch positives Denken. Es erwartet den Trost von seinen Eltern. Ein Kind macht sich nicht erst schön, bevor es zu den Eltern geht. – Die Liebe der Eltern macht das Kind schön. Ein Kind kocht nicht sein Essen selbst – sondern die Eltern versorgen es und es lässt sich von den Eltern versorgen! Ein Kind ist nicht lieb, weil gerade hoher Besuch im Haus ist. (auf diese Idee kommen nur wir Erwachsenen.) Ein Kind ist echt/authentisch in seinem Wesen. Ein Kind ist direkt im Äußern seiner Wünsche: “Ich will Kekse” – Es formuliert seine Wünsche nicht brav. Ein Kind ist von Natur aus unsicher und überspielt diese Unsicherheit nicht – so kann es sich Sicherheit von den Eltern schenken lassen. Zum laufen lernen, beim reden lernen, beim Essen, überall braucht es Hilfe.
So stellt sich Gott unsere Beziehung zu ihm vor: Weg mit allem Gekünstelten. Weg mit aller Leistung um besser dazustehen. Weg mit aller geistlichen Schminke, ob es nun um die “bessere, richtigere” Theologie oder um „noch mehr“ Bibellesen geht. Weg mit allem unechten allen Masken, weil Gott sowieso sieht, wie wir wirklich sind.
Kinder fragen ihren Eltern ein Loch/Löcher in den Bauch. – „Werdet wie die Kinder“, sagt Jesus. Kinder lassen in ihren Forderungen nicht locker. – „Werdet wie die Kinder“, sagt Jesus. Geistlich reife Christen werden nicht unabhängig von Gott, sondern kehren gerade zu diesen Prinzipien zurück.
Durch unsere Mirjam hat Gott uns gelehrt, zu diesen kindlichen Prinzipien zurückzukehren. Mirjam war einfach “unverschämt fröhlich” – im Angesicht des Todes unsres ersten Kindes. Fast so wie David es in Psalm 23,5 sagt: „ Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“
Warum bekam Mirjam überhaupt Ihren Namen?
Schon vor unserer Ehe, als meine Beziehung zu Angelika immer fester wurde, sprachen wir auch unsere zukünftigen Kinder. Angelika wollte 5 Kinder, da sie selber ja nur eine Schwester hatte und ihr das überhaupt nicht gefiel. Sie wünschte sich Leben im Haus. Gut, damit war ich einverstanden. Da mir der Name Mirjam ganz besonders gut gefiel, war mein Wunsch, dass unsere erste Tochter Mirjam heißen sollte. Dieser Wunsch blieb bestehen, bis sie geboren wurde. Die Bedeutung von Mirjam – die Trauernde – habe ich erst später erfahren. Mir gefiel einfach der Name und außerdem hieß auch die Mutter Jesu Mirjam und die Schwester des Mose ebenfalls.
Bewahrung
Eines Tages, Mirjam war so um die zwei Jahre alt, kamen wir von einer Reise zurück. Angelika hatte in der Wohnung zu tun und ich war noch in der Garage beim Auto beschäftigt. Zuerst war Mirjam bei Angelika in der Wohnung ging dann aber hinaus. Angelika war der festen Meinung, dass Mirjam zu mir geht, weil sie oft „bei Papa sein“ wollte. Keiner von uns machte sich Gedanken darüber, wo sie war. Es war schon fast dunkel draußen, als ich in die Wohnung kam. Bis dahin vermisste keiner von uns beiden Mirjam. Auf einmal läutet es an der Haustür. Völlig aufgelöst stand eine fremde Frau vor uns und hatte Mirjam an der Hand. „Ist das ihre Tochter? Ich hätte sie soeben fast überfahren. Sie war auf der Straße und lief mir direkt vors Auto!“ Wir stotterten: „Ja das ist unsere Tochter, wieso ist die überhaupt draußen?“ Die Frau wurde ärgerlich: „Ja wissen sie nicht einmal, wo sich ihre Tochter um diese Tageszeit befindet?!“ Langsam rekonstruierten wir, was passiert war. Während ich davon ausging, Mirjam sei drinnen bei Angelika, war diese der Meinung, Mirjam sei unterwegs zu mir. Do hatten wir beide Mirjam noch nicht vermisst.
Immer stärker wurde uns bewusst, welche Bewahrung wir hier erlebt hatten. Unsere Mirjam hätte tot sein können. Nur durch die Geistesgegenwart der Fahrerin war Mirjam nichts passiert. Im Nachhinein durchlebte ich noch den Schock, als sähe ich sie in ihrem Blut auf der Straße liegen. Ich nahm sie bei der Hand und gab ihr einige kräftige Klapse auf den Popo. Sie sollte lernen, wenn sie ohne uns zur Straße geht, dann tut es weh. Sie ist dann auch nie mehr allein auf die Straße gerannt.
Einige Zeit später waren wir in Wiedenest. Dort in der Bibelschule wollte ich vor der Schülerschaft über unsere Arbeit in Österreich berichten. Unbemerkt verließ Mirjam unser Zimmer. Als wir bemerkten, dass sie nicht mehr da war liefen wir auf den Flur, aber Mirjam war nirgends zu sehen. Wir rannten die Treppe hinunter, benachrichtigten andere, die uns dann suchen halfen. Wir suchten den Bach ab, ob sie irgendwo hineingefallen war, rannten weiter auf die Bundessraße – nichts. Mirjam war wie vom Erdboden verschluckt. Panik erfasste uns. Wo konnte sie bloß sein? Wir rannten wieder zurück ins Haus und suchten die öffentlichen Räume ab – nichts. Dann ging ein Bibelschüler, der uns beim suchen half, in ein Schülerzimmer und – das saß sie! Sie war in das Zimmer eines Bibelschülers geschlichen, hatte die Tür hinter sich verschlossen und war dabei, in aller Seelenruhe Teepackungen auseinander zu nehmen. Wir atmeten tief durch und dankten Gott, dass wir Mirjam gefunden hatten.
Mirjam hatte es mit dem Weglaufen. Angelika war mit ihr bei ihren Verwandten in Deutschland. Alle Kinder spielten auf der Straße – Mirjam dabei. Eine Zeitlang später entdeckt Angelika, dass Mirjam weg war. Sie war auf einem Fahrrad mit Stützrädern mit den anderen zusammen gewesen, nun war sie nicht mehr zu sehen. Angelika lief zu den nächsten Straßenecken, aber das Mädchen war weit und breit nicht zu sehen. Panik erfasste sie. Gemeinsam mit ihrer Schwester radelte sie durch den ganzen Ort und fanden nach längerem Suchen und Fragen das Mirjams Fahrrad direkt an der Bundesstraße liegen. War Mirjam einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Voll Sorge suchten sie auf der anderen Seite der Bundesstraße weiter. Bei einem Supermarkt stand eine Gruppe Frauen um ein kleines weinendes Mädchen. „Wem gehört das Kind?“ fragten sich die Frauen. Es war unsere Mirjam. Sie war mit ihrem kleinen Rad bis zur Bundesstraße gekommen und hatte dann die Straße zu Fuß überquert. Gott hatte sie beim Überqueren der sehr stark befahrenen Straße bewahrt.
„Nie tiefer als in Gottes Hand“
ist der Titel eines Buches von Edith Schaeffer und Angelika bekam es eines Tages geschenkt. Bücher, die versuchen, auf die Frage des Leides eine Antwort zu geben, waren für uns eine große Hilfe. Die Antworten mochten sehr unterschiedlich sein, aber es waren Antworten, die Gott anderen Menschen in ihrer jeweiligen Not gegeben hatte.
Edith Schaeffer ist der festen Überzeugung, dass diese von Gott gegebenen Antworten in einer konkreten Situation auch anderen eine Hilfe sein können. Ich denke, dass sie damit Recht hat. Sie schildert eine Situation, welche ich hier aus der Erinnerung wiedergebe. Sie kam mit ihrem Mann Francis nach Amsterdam, um dort einen ehemaligen Studenten zu besuchen. Dieser war innerhalb weniger Monate an einem unheilbaren Gehirntumor erkrankt. Sie standen an seinem Sterbebett. Was sollten sie sagen? Alle Pläne, die sie mit diesem Mann davor überlegt hatten, waren dahin. Plötzlich kam ihr ein Gedanke: Sie machte eine Zeichnung auf eine Serviette und betitelte sie als “Himmelssaal A”. Darauf zeichnete sie Menschen, die Gott aus den schrecklichsten Situationen heraus durch ein Wunder befreit hatte, als Zeichen für Satan, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist. Dann machte sie eine zweite Zeichnung, die identisch mit der ersten war und gab ihr den Titel “Himmelssaal B”. “Himmelssaal B” zeigt die gleichen Situationen wie Himmelssaal A. Gott lässt die schrecklichsten Dinge zu, aber im zweiten Fall tut er nichts, um die Menschen aus der Not zu befreien. Kein Gebet, kein Wunder befreit sie aus der Not. Das Erstaunliche ist: Diese Menschen halten trotzdem an der Liebe Gottes fest. Wie Hiob an Gott festhielt und sagte: Ich weiß das mein Erlöser lebt.
Satan möchte, wie bei Hiob, immer wieder eine Art neue Wette mit Gott abschließen, aber eines Tages wird Gott sagen: “Nein – diese Probe hat schon der und der bestanden und ist mir trotzdem treu geblieben. Noch einmal werde ich solch eine Prüfung nicht zulassen!”
Beweise, dass Menschen Gott trotz allem treu bleiben, sind nur über den Weg des Leides möglich.
Eines Tages werden wir erfahren, was im Hintergrund unseres Lebens gelaufen ist. Dann wird es kein “Warum” mehr geben.
Samuel
Am 16.08.1980 kam dann in Gmunden noch Samuel zu unserer Mirjam hinzu. Den Namen für ihn durfte diesmal Angelika aussuchen. Nachdem Christian gestorben war, wünschten wir uns natürlich einen weiteren Sohn. Wir wussten, das dieses Kind, kein “Ersatz” sein konnte für eines, das gestorben war. Nun hatten wir ein weiteres Kind und es war sogar ein Sohn. Samuel bedeutet: Vom Herrn erbeten. Samuel war also unsere Gebetserhörung. Nun hatte Mirjam einen Bruder. Mirjam übernahm auch ihre Rolle als große Schwester ein, was man an vielen Fotos sehen kann, wo sie Samuel an der Hand hat.
Samuel hatte einen sehr ausgeprägten Eigenwillen. Auf dem Gelände der Villa Clusemann befand sich auch ein Swimmingpool. Samuel – vielleicht drei Jahre alt – stürzte sich eines Tages hinein, obwohl er nicht schwimmen konnte. Als wir ihn “gerettet” hatten und er wieder am “Ufer” stand, war er wütend, weil er nicht schwimmen konnte. Wir dachten, dass er jetzt fürs erste genug hatte von seinen eigenwilligen Schwimmversuchen, aber dem war nicht so, denn er stürzte sich gleich wieder ins Wasser. Es dauerte nicht lange bis er schwimmen konnte.
In der Schule ging es ähnlich weiter. Bei der Rechtschreibung hatte er – wie sein Vater – seinen eigenen Kopf. Für viele Worte hatte er eine eigenwillige Schreibweise. Auch mit dem Wortschatz war das so eine Sache. Nicht dass er unter Wortfindungsstörungen litt, nein, er liebte eigene Wort – Kreationen.
Er ging uns nicht verloren wie Mirjam, vielleicht auch deshalb, weil Mirjam ihn immer im „Schlepptau“ hatte.
Alles hat seine Zeit – ruhen in Jesus
In diesen Zeiten entdeckte ich die Biographien von Menschen, die im Reich Gottes besonders prägend mitgewirkt haben. Früher hatte ich gern die spannenden Erzählungen der Readers Digest Auswahlbände gelesen. Nun entdeckte ich, dass diese, auch wenn sie sehr interessant zu lesen waren, mir aber letztendlich nicht auf meinem Weg weiter halfen.
Ich entdeckte, dass im Leben dieser Männer und Frauen auch nicht alles glatt gelaufen war. Dass sie nach Antworten rangen, die sie in eine tiefere Reinheit und in eine tiefere Beziehung zu Christus führten. Dies entsprach auch meiner inneren Sehnsucht. Soweit ich mich erinnern kann, las ich als erste Biographie das Lebensbild von Hudson Taylor. Mich faszinierte, wie er sich nach Gottes klaren Ruf nach China zu gehen, über viele Jahre auf seinen Dienst vorbereitete. Er erlebte in dieser Zeit erstaunliche Gebetserhörungen, die auch dadurch möglich wurden, weil er warten konnte. In China, am Ziel seines Auftrages angekommen, geriet er jedoch immer mehr in eine Krise, die seinen Dienst lähmte. Was war los? Er selber schreibt in einem Brief an seine Schwester:
17. Oktober 1869:
Meine liebe Schwester.
Die vergangenen Monate waren vielleicht die glücklichsten meines Lebens. Vielleicht muss ich etwas zurückgreifen. Während der letzten sechs oder acht Monate war meine Seele sehr bedrückt, weil mir das Bedürfnis nach mehr Heiligung, Leben und Kraft sowohl meiner eigenen Seele, als auch der ganzen Mission bewusst war. Ich fühlte die Undankbarkeit, die Sünde, die Gefahr eines Lebens, das nicht enger mit Gott verbunden war. Ich betete, quälte mich ab, fastete und mühte mich, fasste Vorsätze, las die Schrift fleißiger, suchte mehr Zeit zu innerer Sammlung – doch alles ohne Erfolg. Täglich, beinahe stündlich bedrückte mich das Bewusstsein der Sünde. Ich wusste, dass alles in Ordnung sein würde, wenn ich nur in Christus bleiben könnte, aber ich konnte nicht. Ich begann den Tag mit Gebet, entschlossen, Jesus keinen Augenblick aus den Augen zu verlieren. Aber die Pflichten und Anforderungen, beständige Unterbrechungen, die ja so ermüden, ließen mich ihn oft vergessen.
Jeder Tag brachte ein Register an Sünden, Versagen und Kraftlosigkeit. Das Wollen war bei mir wirklich vorhanden, aber das Vollbringen war mir unmöglich
Dann kam die Frage: “Gibt es dafür keine Rettung?”
Während der ganzen Zeit war ich mir klar darüber, dass in Christus alles zu haben war, was mir fehlte. Aber wie sollte ich es von ihm bekommen, das war die praktische Frage. Als mir langsam ein Licht aufging, erkannte ich, dass der Glaube das einzig Erforderliche ist, seine Fülle zu ergreifen, um sie sich anzueignen. Aber ich hatte diesen Glauben nicht! Ich kämpfte darum, gewann ihn aber nicht. Ich versuchte ihn zu üben, aber umsonst.
Als mein Seelenkampf seinen Höhepunkt erreicht hatte, gebrauchte Gott einen Satz aus einem Brief meines lieben McCarthy, um die Schuppen von meinen Augen zu nehmen Er schrieb: “Wie kann mein Glaube gestärkt werden? Nicht, indem ich um Glauben ringe, sondern indem ich in Jesus ruhe.”
Als ich das las, wurde mir alles klar. “Glauben wir nicht, so bleibt er doch treu!”
An anderer Stelle sagt Hudson Taylor: „Wir brauchen nicht einen großen Glauben, sondern Glauben an einen großen Gott.“
„Nicht, indem ich um Glauben ringe, sondern indem ich in Jesus ruhe.”
Das war ein Gedanke, der auch meinem Leben Ruhe gab. Jesus weiß doch alles, was mich beschäftigt. Mein Glaube ist also nicht Leistung, die ich erbringen muss. Hinge Glaube von unserer Leistung ab, würde es bedeuten, dass Gott nur dann eingreifen kann, wenn ein Mensch die richtige Glaubensleistung erbracht hat. Das kann doch nicht sein. Glaube ist vertrauensvolles Ausruhen in Jesus. Die Gewissheit, dass er mich durch alle Hindernisse und Widerwärtigkeiten führt bis ich eines Tages in der Gemeinschaft mit ihm am Ziel bin.
Dann las ich das Lebensbild von Georg Müller und vielen anderen. Was hatten diese Männer alles im Reich Gottes geleistet! Welchen Glauben besaßen sie!
Ich hatte den Eindruck, dass ich manche Dinge nicht begreife oder anders gesagt, dass ich sie zwar begreife, aber nicht dauerhaft im Leben verwirkliche. Letztere war mir ein großes Problem.
Daniel
Nach Samuel wurde Daniel geboren. Wir nannten ihn Daniel Christian, denn er hatte den gleichen Haarwirbel wie unser erstes Kind. Auch sonst sah er ihm sehr ähnlich, so dass wir meinten mit Daniel gäbe Gott uns unser erstes Kind noch einmal.
Doch mit Daniel fing eine neue Lebens- bzw. Leidensschule Gottes für uns an: Es begann im Mai 1984: Daniel hatte keinen Appetit mehr. Was war jetzt los?
Aus dieser Zeit habe ich einige Tagebuchaufzeichnungen.
27.05.1984 Heute sind wir mit Daniel zum Arzt gegangen. Daniel war die letzten drei Wochen müde und krank und hat innerhalb von 10 Tagen 1 Kilo abgenommen. Der Arzt konnte jedoch nichts feststellen.
28.05.84. Angelika und ich sind heute mit Daniel nach Salzburg ins Krankenhaus gefahren. Dort fielen Not, Kummer und Sorgen über uns her. Was ist mit unserem Kind los? Hat Daniel einen Darmverschluss? “Warum kommen sie erst jetzt”, war die vorwurfsvolle Frage. Was sollten wir sagen, denn wir waren bisher bei zwei Ärzten gewesen. Weil diese uns nichts Konkretes sagten, gingen wir davon aus, dass es kein großes Problem ist.
Aber in Daniels Unterleib befindet eine große Geschwulst. Was bedeutet das? Ich wagte nicht zu denken, dass es Krebs sein könnte. Daniel ist jetzt 16 Monate alt und er soll Krebs haben? Sein Blutbild ist sehr schlecht. Er bekam eine Infusion und soll auch eine Bluttransfusion bekommen.
Herr, Deine Wege sind schwer zu verstehen. Wir schwanken zwischen Hoffen und Verzweifeln.
Daniel streckt seine Hand zu uns aus. Wir möchten sie nehmen, ihn an uns drücken, wir können es nicht. Ach Herr, warum, warum? So lassen wir ihn zurück. Ich bin dankbar mit Angelika zu sein! Wir weinen und trösten uns gegenseitig.
Als wir am Abend im Krankenhaus anriefen sagte der Arzt, dass Daniel Krebs hat. Vielleicht ein WilmsTumor. Die linke Niere bestand nur noch aus Krebsgewebe. Daniel sollte diese Woche noch operiert werden. „Herr hilft, du bist unsere letzte Rettung“, beteten wir und mit uns beteten viele andere für ihn.
Dabei hatte doch alles so harmlos angefangen! Die Ärzte, zu denen wir gegangen waren und die wir auf die Appetitlosigkeit bei Daniel ansprachen, hatten nur gemeint: “Geben sie ihm, was er mag”, doch das war nicht genug. Als es zur Einweisung ins Spital kam, heiß die Diagnose plötzlich Neuroblastom!
Zur Erklärung: Das Neuroblastom ist mit sieben bis acht Prozent aller Krebserkrankungen im Kindesalter die zweithäufigste bösartige Neubildung bei Kindern. Vom autonomen Nervengewebe – der embryonalen Neuralleiste – ausgehend handelt es sich um einen Tumor, dessen Zellen in einem unreifen Stadium verblieben sind. Er ist vor allem in den Nebennieren, entlang der Wirbelsäule, im Kopf- im Hals- und Nackenbereich sowie im Brust- Bauch- und Beckenraum anzutreffen. Eines von 5000 Kindern ist davon betroffen.
Wo war Gott?
Wahrer Trost
Wieder waren wir hilflos der Frage ausgeliefert: Was sollen wir tun? Eine Mitarbeiterin, die gerade zu dieser Zeit die Freizeitleitung hatte, kam auf uns zu. Sie kannte einen Mann in Brüssel, der für eine Bekannte von ihr, die lange krank gewesen war, gebetet hat und diese Bekannte wäre seit dieser Zeit gesund. Ob sie in Brüssel anrufen und von uns erzählen dürfte? Wir waren damit einverstanden. Aus jeder Hoffnung schöpft man Trost! Nun war dieser Mann aber nicht in Brüssel. Es hieß, er sei in Paris. Es stellte sich aber heraus, dass er auch nicht in Paris war, sondern irgendwo anders in Frankreich.
Die Familie der Bekannten in Brüssel fasteten und beteten daraufhin einen Tag, mit dem Ziel, dass dieser Mann bei ihnen anriefe, damit sie ihm unsere Geschichte erzählen könnten; und tatsächlich, er rief an, da er „schon den ganzen Tag an sie denken musste“ und wissen wollte, was los wäre.
Die Familie erzählt ihm unsere Geschichte und er entschloss sich, zu uns nach Österreich zu kommen, um in Salzburg im Spital für Daniel zu beten. Die ganze Sache, wie alles zustande gekommen war, war für uns ein Wunder! Und so war unsere weitere Hoffnung: Wenn Gott bisher so viel Wunder getan hatte, würde er doch auch an unserem Kind ein Wunder tun, dachten wir. Ich selber habe in diesen Tagen gefastet. Vom Marseille kam der Mann mit dem Flugzeug nach Salzburg. Er betete einige Minuten an Daniels Bett für dessen Genesung, dann teilte er uns mit das unser Kind geheilt wäre. Eine Veränderung an seinem Körper sahen wir jedoch nicht.
Anschließend erzählte er uns im Beisein von einigen Freunden, dass die Jünger Jesu, bis auf Johannes, alle in Sünde gelebt hatten. Das wäre auch die Ursache dafür, dass sie alle den Märtyrertod gestorben wären. Ein gehorsame Christ wäre gesund wie Mose, der im Alter von
120 Jahren gestorben war und dabei ganz gesund gewesen war.
Irgendetwas stimmte mit diesem Mann nicht. Uns kam die Sache eigenartig vor. Am nächsten Morgen rief ich im Spital an, ob unser Kind gesund wäre. Der Arzt erklärte mir: „Herr Stöbis, es tut mir leid, aber es ist alles beim Alten. Ihr Kind ist nicht geheilt worden.“
Für mich war dies das Todesurteil für Daniel. Was konnte jetzt noch Trost geben? Ich hatte Angst keinen Trost mehr zu finden.
Ich lag auf meinem Bett und nichts und niemand konnte mich mehr trösten, so verzweifelt war ich. Dann sagte ich: “Herr, ich weiß, dass du lebst, aber gib mir ein Zeichen Deiner Nähe.” Auf meinem Nachtkasten lagen die Losungen. Ich schlug sie wahllos auf und mein Blick fiel auf das Wort: „Ich will dich trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66,13)
Ein besseres Wort konnte Gott mir in dem Augenblick nicht geben. Er selbst wollte mich trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Ich musste den Vers ein paar Mal lesen. Wie tröstet eine Mutter ihr Kind? Sie nimmt es auf ihren Arm, legt es an ihre Brust und gibt ihm zu trinken. Langsam begann ich ruhig zu werden. Gott war mir nahe und er würde mir auch weiterhin seine Nähe geben.
Aber was war das für ein Mann, der zu uns gekommen war? Erst hatte er uns gesagt: „Daniel ist gesund!“ Nun, er betete weiter, das sprach für ihn. Er konnte nicht verstehen warum Daniel nicht sichtbar gesund geworden war. „Da muss ein Fluch von einem Menschen in der Nähe ausgesprochen worden sein“, meinte er schließlich, aber, wir sollten auf jeden Fall an dem Glauben an Heilung festhalten. Wir sollen uns nicht blenden lassen von Daniels dickem Bauch. Denn da wäre „kein Krebs mehr drin“.
Der Mann war, wie es in christlichen Kreisen klassifiziert wurde, ein Charismatiker. Seine Beteuerungen stellten sich als leere Worte (ich empfand es als Lügen) heraus. Er hatte in mir riesige Hoffnungen geweckt und jetzt waren alle Hoffnungen wie eine Seifenblase zerplatzt. In der Folge hörte ich noch mehr Seifenblasengeschichten. Leider ging es manches Mal soweit das den verzweifelten Hilfe suchenden Menschen mangelnder oder gar fehlender Glaube vorgeworfen wurde, wenn die Heilung nicht so eintraf wie sie der Charismatiker vorausgesagt hatte. Also: Ihr seid selber schuld, wenn euer Kind nicht geheilt wurde.
Wie denke ich heute über diese Gruppe Menschen? Sie möchten Jesus mit ganzem Herzen folgen. Sie trauen ihm jedes Wunder zu. Aber sie prüfen zu wenig, ob das was christlich aussieht auch der biblischen Wahrheit entspricht. Und sie leben ihr Christsein manchmal so, als wenn man Gott mit der richtigen Methode oder dem richtigen Tun in den Griff kriegen könnte. Gott muss nicht Handeln, wenn wir im Glauben beten. Gott lässt sich durch nichts und niemand zwingen. Gott ist frei in seinem Handeln. Wenn wir beten sollte Gottes Wille immer die höchste Priorität behalten.
Kehren wir zurück:
Wir lernten aus der Situation. Wir wollten nie wieder einen reisenden Heiler zu uns kommen lassen. Die Bibel sagt: Ruft die Ältesten der Gemeinde, die sollen den Kranken salben und für ihn beten. Damit verspricht Gott nicht eine automatische Heilung. Aber für uns war es wichtig den Gott gewollten Weg einzuschlagen. Wir haben später, in einer anderen Notsituation, die Ältesten geholt.
Aber noch waren wir in einem Schockzustand! Seit der Diagnose Krebs waren erst ein paar Tage vergangen
Samuel hatte in Daniel bereits einen Spielgefährten gefunden! Würde Gott ihm den wieder nehmen? Wir konnte nicht begreifen, was da geschah und unsere Gedanken überschlugen sich. Nur nach und nach begriffen wir, das das Ganze nicht ein böser Traum war sondern Realität.
Ich begann mich erneut mit dem Buch Hiob zu beschäftigen. Fünf Jahre waren seit Christians Tod vergangen. Jetzt stand alles wieder lebendig vor uns und wir gingen noch einmal durch dieses Tal. Gott hatte uns eine Wunde zugefügt. Sie war nach und nach verheilt, jetzt schlug er genau in dieselbe Kerbe und öffnete sie neu. War Gottes Liebe hart? Sollte das Liebe sein, die verheilte Wunden wieder aufriss?
Wie gut, das es das Buch Hiob gibt. Ich nahm es erneut zur Hand und las weiter in Kapitel 38,1. „Und der Herr antwortete Hiob aus dem Wettersturm.“ Endlich, nach 37 langen Kapiteln des Wartens und Redens gab Gott eine Antwort. Aber was war das für eine Antwort für jemand, der Notzeiten durchmachte? Wieder wühlte es in mir.
Nun, Gott wird sich schon was dabei gedacht haben, wenn er so mit Hiob redete und nicht anders. Keinerlei Mitleid Gottes mit Hiob war spürbar. Er redete mit ihm von Mann zu Mann. „So Hiob, jetzt stell dich mal gerade hin. Schnall den Hosengürtel fest und dann werde ich dir auch einmal ein paar Fragen stellen.“ Und dann redete Gott zu Hiob, während die Blitze zuckten und die Donner krachten. Und Hiob verstand Gott.
38, 4: Wo warst du als ich die Erde gründete?
38, 5: Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat?
38, 8: Wer hat das Meer mit Toren verschlossen?
38,12: Hast du zu deiner Zeit dem Morgen geboten?
38,16: Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen?
38,18: Hast du erkannt, wie breit die Erde ist?
38,31: Kannst du die Bande des Siebengestirns zusammenbinden?
38,32: Kannst du die Sterne des Tierkreises aufgehen lassen?
38,33: Weißt du des Himmels Ordnungen?
38,34: Kannst du deine Stimme zu der Wolke erheben, dass es regnet?
38,35: Kannst du die Blitze aussenden?
38,39: Kannst du der Löwin ihren Raub zu jagen geben?
Jede Frage muss Hiob wie ein Donnerschlag getroffen haben. Da redete kein alter Opa mit zittriger Stimme zu ihm. Da redete einer zu ihm der uneingeschränkte Autorität besitzt. Der erwartet, dass ihm vertraut wird, weil er absolut vertrauenswürdig ist. Da redete einer, der weiß, dass er Hiob keinerlei Unrecht getan hat und keine Rechenschaft schuldig ist.
Was hatte Hiob erwartet? Einen Gott, der sich bei ihm entschuldigt, weil er entdeckt hat, einen Fehler gemacht zu haben? Nein. Gott macht nie einen Fehler. Aus dieser Position heraus kommt Gott zu Hiob und stellt ihn zur Rede. „Wo warst du?“ So fragt man ein Kind, wenn es nicht zur vereinbarten Zeit nach Hause gekommen ist. In dieser Frage liegt ein Vorwurf. So einen Vorwurf kann man auch einem Mitarbeiter machen, der einen ganz wichtigen Termin verschlafen hat. Wo warst du? Und so fragt Gott.
Was mich wunderte war die Tatsache, dass Gott mit keinem Wort auf das Elend des Hiob einging. Als wenn es das Elend nicht gegeben hätte. So stellte ich mir einen „lieben Gott“ nicht vor. Aber ist uns bewusst was wir tun, wenn wir Gott Vorwürfe machen? Wir stellen uns auf die Stufe Gottes. Und Gott geht genau darauf ein. Hiob38, 4: „Wo warst du (Gott Hiob) als ich die Erde gründete? Wir hatten doch ein ganz großes Vorhaben. Etwas, was es noch nie vorher gegeben hat. Wir wollten die Erde schaffen und mit ihr das ganze Weltall. Wir wollten die Erde zu etwas ganz besonderen machen, aber als es darauf ankam sie zu schaffen, da warst du nicht da. He, Hiob, wo warst du denn? Warum hast du den Termin verschlafen!“
Als ich die Fragen Gottes an Hiob las, wurde ich stutzig. Ich ließ mir diese Fragen Gottes persönlich stellen: Wo war ich, als Gott die Erde gründete? Ich war nicht da. Es gab mich noch nicht. Wer bin ich? Ich bin nur ein Glied in einer langen Kette. Ich weiß nur, dass Gott am Anfang Himmel und Erde schuf, aber die Zusammenhänge, wie es zur Schöpfung kam, sind mir ein Geheimnis. Ich kann mich noch so anstrengen, ich kann das Geheimnis nicht ergründen.
Und Gott geht weiter in seinen Fragen: Wer hat das Meer mit Toren verschlossen. Ja wer? Du etwa Hiob? (Ich etwa?) Wer hat bestimmt, wo sich seine stolzen Wellen legen? Es war ungemütlich, sich diesen Fragen aus zu setzen. Gott schuf Ordnung in seiner Schöpfung, er hat bestimmt, dass das Meer Grenzen hat. Aber wie hat er das gemacht? Wir reden von Naturgesetzen, aber wer hat diese Gesetze festgelegt? Wie sind die Naturgesetzte entstanden? Also, selbst das für Hiob und mich Sichtbare wie das Meer und die Küste bergen Geheimnisse, die wir nicht beantworten können.
Warum geht die Sonne im Osten auf und im Westen unter? Warum besteht diese feste Ordnung? Die Erde könnte doch auch ein taumelnder Ball sein, auf dem die Wasser der Meere hin und her schaukeln. Ein Ball ohne feste Grenzen. Die Küsten können mal hier und mal dort sein und Sonne könnte mal im Osten oder Westen oder sonst wo aufgehen.
„Hiob und Joachim das beantwortet mir mal, belehrt mich, ich höre zu“ – sagt Gott.
Hiob kann nur sagen: „Herr ich habe nicht bestimmt, wo die Sonne aufgeht ich war nicht dabei als diese Ordnung geschaffen wurde. Ich weiß nur, dass es diese Ordnung gibt. Aber wie sie entstanden ist, das weiß ich nicht.“
Gott fragt unerbittlich weiter:
Warst du schon auf dem Grund des Meeres? Kennst du die Quellen des Meeres? Woher kommt das viele Wasser? Ja Hiob, selbst auf der Erde gibt es Plätze wo du nicht hingehen kannst. Oder kannst du auf dem Meeresgrund spazieren gehen? Für mich dagegen, gibt es kein Geheimnis. Ich komme überall – auch ohne Technik – hin. Und du Hiob? Und du Joachim?
Dann wird es noch schwieriger. Gott verlässt in seinem Fragen den für Hiob sichtbaren Bereich, die Erde, und lässt ihn (und mich) einen Blick in das All werfen. Zum ersten Mal fragt er: „Kannst du, kannst du die Bande des Siebengestirns zusammenbinden?“ Wenn Gott fragt: “Kannst du?”, dann kann Hiob nur wahrheitsgemäß antworten: “Herr, ich kann nicht.” Ich kann nicht die Sterne des Siebengestirns zusammenbinden und den Gürtel des Orion auflösen. Ich kann nicht zusammenbinden und auflösen. Ich kann noch so grübeln – es wird wie mit meiner Not bleiben – ich werde keine Lösung finden.
Die Fragen Gottes trafen mich. Es waren nicht nur Fragen Gottes an Hiob, sondern auch an mich. Sind diese Fragen Gottes nicht deprimierend? Meint Gott es so: „Na Kleiner, was willst du denn?“ Ja und nein. Ja, weil wir an der Größe Gottes gemessen, wirklich klein sind. Nein, weil Gott ein wirkliches Interesse an uns hat und auch daran uns zu helfen. Er macht sich nicht lustig über uns oder gar unsere Not. ER freut sich auch nicht darüber, wenn wir in Not sind! Hiob erkennt hinter den Fragen Gottes mehr. ER muss Gottes Fragen mit “Ich war nicht dabei, ich kann das Geheimnis nicht ergründen, ich kann nicht – ich weiß nicht“ beantworten, aber Gott ist größer, er kann sagen: “Ich war dabei, ich kenne das Geheimnis, Ich kann – ich weiß!”
Und einer, der “kann” und “weiß”, für den gibt es kein “Warum”, weil er die Antworten kennt. Einer, der Sternbilder zusammenbinden und auflösen kann, der kennt kein “Warum”. Der hat auf jede Frage nach dem “Warum” auch des Leides eine Antwort. Gott wusste, wie das Leid des Hiob zu wenden war. Unser Problem ist, dass wir immer wieder zu “klein” denken. Wenn wir dann nicht zu Gott flüchten, bleiben wir in dem “zu klein” hängen. Unser noch größeres Problem ist aber, dass wir von Gott schlecht denken. Wir vertrauen ihm nicht wirklich. Wir vertrauten ihm nicht wirklich, dass er es gut mit uns meint und meinte. Ich glaube wir werden uns noch einmal alle sehr darüber schämen, dass wir Gott nicht vertraut haben.
Gott sehen
Wenn wir mit dem Auto von Amsterdam nach Berlin fahren wollen, dann schauen wir auf die Karte und wählen die günstigste Route auf der Autobahn. Wir können aber auch mit dem Zug fahren oder ein Flugzeug benützen. Wir haben Ziele und versuchen sie zu erreichen. Das sind nicht nur Reiseziele sondern viel mehr Lebensziele
Gott hat auch Ziele für unser Leben. Er schickt uns auf die Reise und er geht mit uns mit! Aber er benutzt, um geistliche Ziele mit uns zu erreichen, eher selten einen Zug. Oft heißt das Transportmittel, mit dem er uns am nachhaltigsten seinen Zielen näher bringt, LEID. Vielleicht hatte Hiob früher gebetet: „Herr, ich möchte dir noch viel näher sein, so nah, wie es nur möglich ist. Herr ich sehne mich nach dir. Ich weiß viel zu wenig davon, wie du wirklich bist. Ich sehne mich danach, dich zu sehen!“ Vielleicht war das der Grund, warum Hiob das Leid durchleben musste. Nur so konnte Gott ihm ganz und gar nahe kommen. Nur so konnte Hiob sagen: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen, aber nun hat mein Auge dich gesehen:“ Das hätte Hiob durch alle guten Zeiten hindurch nie zu Gott gesagt. Nur durchs Leid lernte Hiob Gott sehen.
Denken wir nicht oft viel zu klein von Gott und vertrauen ihm nicht? Gott möchte uns aber helfen. Er möchte, dass wir ihn kennen lernen, wie er wirklich ist. Das ist die größte Hilfe, die er uns schenken kann.
Es reicht ihm nicht, dass wir ihn nur so vom Hörensagen kennen, also über eine dritte Person. Er möchte eine persönliche Beziehung zu uns haben, so wie ein Bräutigam zu seiner Braut. Um dieses Ziel zu erreichen, geht er aber SEINE WEGE mit uns die wir nur im Rückblick als die allerbesten Wege für uns erkennen können.
Doch zunächst erleben wir diese Wege nur als LEID. Gott riskiert dabei, dass wir seinen Weg und somit ihn nicht verstehen. Weder wir selber noch unsere besten Freunde können verstehen. Er riskiert, dass wir wütend auf ihn werden, das wir über ihn schimpfen, ja sogar sehr zornig über ihn werden. Er gesteht uns diese Reaktionen zu. Er riskiert, dass wir an seiner Liebe zweifeln, ja dass wir vielleicht sogar an ihm verzweifeln. Aber er kennt das Ziel und den Weg da hin. Er weiß, dass wir durch alle guten Zeiten ihm nie so nahe kommen würden wie durch das Leid. Er weiß, dass wir ihn nur auf diesem Weg wirklich kennen lernen. Am Ende des Weges fangen wir langsam zu verstehen an. Wir beginnen zu verstehen, dass Gott in seiner Allmacht Wege mit uns gegangen ist, die zunächst nur aus seiner Sicht einen Sinn hatten.
Von Gott zugelassenes Leid ist sinnvoll. Eines Tages werden wir seine, für uns jetzt noch verborgenen, Wege erkennen und sogar dankbar dafür sein. Durch viel Leid habe ich erkennen dürfen, wie wichtig es ist, ihm zu vertrauen und wie schrecklich es wäre, wenn wir ihm misstrauen. Aber, wir alle stehen in der Gefahr, die Wege zu verweigern, die die Besten für unser Leben sind.
Gott kennt die Antwort
Warum gab Gott dem Hiob keine Antwort auf das Warum? Stellen wir uns vor, er hätte es getan und hätte ihm eine Antwort gegeben. Stellen wir uns vor Gott hätte zu ihm gesagt: “Ja, Hiob, das war so:
6. Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor mich traten, kam auch der Satan unter ihnen.
7. Ich aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete mir und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen.
8. Ich sprach zu Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.
9. Der Satan antwortete mir und sprach: Meinst du, das Hiob dich umsonst fürchtet?
10. Hast du doch ihn, sein Haus und alles was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande.
11. Aber strecke deine Hand aus und taste an, was er hat: was gilt’s, er wird dir ins Angesicht absagen!
12. Da sprach ich zum Satan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Da ging der Satan von mir hinaus.
„Ja und dann hat Satan dir alles weggenommen, wie ich ihm erlaubt habe, auch deine Gesundheit, nur dein Leben nicht.“ Würde Hiob diese Antwort geholfen haben? Hätte sie ihn nicht eher zornig gemacht? Wäre er sich nicht wie ein Spielball der Mächte vorgekommen die sich irgendwas miteinander ausgeredet haben? Und wenn man das Buch Hiob liest liegt der Gedanke an Hiob, als Spielball, nicht sehr nahe
Wir schreien zwar nach einer Antwort nach dem Warum, aber ich denke, dass es sehr gut ist, wenn uns Gott die Antwort auf diese Frage oft nicht sofort gibt.
Die Ärzte konnten Daniel nicht helfen. Sie öffneten seinen kleinen Körper und schlossen ihn gleich wieder. Nun stand auch von Seiten der Chirurgen eindeutig fest, dass er ein Neuroblastom hatte. Keine Heilung war geschehen, wie uns der Heilungsbeter weiß machen wollte. Der Krebs war sehr weit fortgeschritten. Wieder war unsere Frage an die Ärzte, wie es jetzt weiterginge: „Sie können eine Chemotherapie machen lassen!“ „Wie hoch ist die Chance auf eine Heilung?“ „Wenn es hoch kommt, bei drei Prozent!“ „Wenn Daniel ihr Kind wäre, würden sie mit ihm diese Chemotherapie machen?“ „Nein.“ Wir dachten genau so. Wir wollten Daniel zu Hause behalten, hier konnten wir mit ihm zusammen sein. Hier konnten wir mit ihm und für ihn beten.
Gott schenkt den Sieg
Auch in dieser Zeit lief der normale Alltag für uns als Hauseltern in der Villa Clusemann weiter. Urlauber kamen und gingen. Doch in diesem Sommer war irgendetwas anders als sonst. Wir hatten drei Urlauber bei uns, die massiv okkult belastet waren. Viele Stunden beteten und rangen wir darum, dass diese Menschen befreit wurden. Und die Mächte wichen. „Treibt böse Geister aus.“, hatte Jesus den Jüngern gesagt. Wir erlebten die Kraft der Befreiung, wie sie die Jünger erlebt hatten. Öfter sangen wir in dieser Zeit das Lied: „Jesus ist der Sieger über Hölle Tod und Teufel, darum preis ich ihn, …“ Gott gab uns Einblicke in die geistliche Welt, wie wir es vorher noch nie erlebt hatten. Gott gab Sieg.
In dieser Zeit sagte ich zu Angelika: „Man müsste eigentlich ein Haus haben, in dem man mehr Zeit hat Menschen, zu helfen, die nicht mehr weiter wissen“. Hiermit begann gedanklich bereits der innere Abschied aus der Arbeit in der Villa Clusemann.
Glaube war da. Mächte der Finsternis wichen, aber auf der anderen Seite ging das Leben von Daniel Tag für Tag seinem Ende näher. Hatten wir dafür zu wenig Glauben?
Manchmal half es mir auf meinen einsamen Spaziergängen einen einzelnen Grashalm zu nehmen. Ich sagte: „Herr, Vater im Himmel, du bist mit diesem Grashalm fertig geworden. Du hast ihn wachsen lassen. Kein Mensch wird je in der Lage sein, einen Grashalm aus dem Nichts heraus zu schaffen. Herr, wenn du das kannst, dann weiß ich, dass du nur ein Wort zu sagen brauchst und unser Daniel wird gesund. Herr, wenn du mit einem Grashalm fertig geworden bist, dann wirst Du es doch auch mit unserer Not.“
So sprach ich mit Gott, aber Gott schwieg. Er antwortete nicht so, wie wir es erhofften, denn es verging ein Tag nach dem anderen und Daniel wurde immer schwächer.
Trotzdem setzten wir ihn in seinen Kinderwagen. Er beobachtete, was draußen vor sich ging und die frische Luft schien im gut zu tun. Dann kam eine Nachbarin zu uns und „bat“ uns, wir möchten doch bitte die Spaziergänge mit unserem Kind unterlassen. Andere hätten sie gebeten, uns das auszurichten. Das Kind wäre ein schrecklicher Anblick für die Anderen.
Hieß das, dass wir uns nun mit unserem Kind einschließen sollten, weil andere nicht an den Tod erinnert werden wollen? Der Tod gehört nun einmal zum Leben und wir sahen, dass es Daniel sichtlich Freude machte draußen zu sein! Also gingen wir weiter mit ihm spazieren, nur gingen wir an Plätze, wo weniger Menschen waren.
Mit unserem ersten Kind hatten wir schon ähnliches erlebt: „Sehen sie nicht, dass das Kind krank ist? Das muss unbedingt ins Krankenhaus. Sehen sie nicht, dass es ganz gelb ist?“ Wir wollten schon sagen: „Ja wissen sie nicht, das jedes dritte Kind ein Chinese ist? Und Chinesen haben nun mal eine gelbe Hautfarbe!“ Doch wir unterließen diese beißenden Kommentare. Vielleicht hätten wir doch manchmal etwas sagen sollen. Es war verständlich: Die Menschen wussten nicht, was wir alles schon getan hatten, damit unsere Kinder gesund würden. Sie hatten schlicht und einfach Angst und wollten deshalb nicht mit Krankheit, Not und Tod konfrontiert werden.
Dankbarkeit
Ich musste in dieser Zeit immer wieder an Epheser 5 denken. Doch ich wollte den Text nicht lesen. Ich sagte, da steht was von der Ehe drin und das hilft mir jetzt sowie so nicht. Es geht schließlich um unser todkrankes Kind und nicht um unsere Ehe. Doch der Gedanke kam mir immer wieder: „Lies Epheser 5.“ Ich las die Bibelstelle nicht. Doch dann nahm ich eines Tages einen Bibelkurs in die Hand und dann wusste ich warum ich Epheser 5 lesen sollte.
Es steht in Epheser 5 ein ungeheuer wichtiger Satz. Es ist der Vers 20: „Sagt Dank allezeit für alles Gott, dem Vater, in dem Namen unseres Herrn Jesus Christus.“ Ich zog die Stirn in Falten. Was verlangt Gott hier von uns? Sagt Gott ein Dankeschön und das immer und für alles. Das kann Gott doch wohl nicht so meinen, sagte ich mir. Ja, diese Forderung machte mich regelrecht zornig. War das nicht unverschämt und gefühlskalt zu fordern, danke zu sagen für alles und das immer?
Ich dankte Gott nicht, aber der Gedanke ließ mich nicht los. Wenn Gott mich durch Paulus aufforderte, ihm allezeit für alles zu danken, dann hatte er sich was dabei gedacht, dann war das nicht so dahergesagt, denn er wollte mir helfen.
Es wühlte in mir. Doch dann fiel mir wieder ein, was Elihu von Hiob gefordert hatte: “ Denk daran, dass du sein Werk preisest.“ (Hiob 36,24) War das nicht eine ähnliche Forderung? War nicht das Elend des Hiob auch ein Werk Gottes? Hatte Hiob nicht bereits diesen Grundsatz befolgt und Gott alle Zeit für alles gedankt als er sagte: „Der Herr hat‘s gegeben, der Herr hat‘s genommen, der Name des Herrn sei gelobt!“ (Hiob 1,21b)
Elihu hatte Hiob gewissermaßen nur noch einmal ans Danken erinnert.
Ich suchte, was sonst noch übers Danken in der Bibel stand und fand Verse wieder, die mir in der Vergangenheit schon wichtig geworden waren: „Opfere Gott Dank und erfülle dem Höchsten deine Gelübde!“ Psalm 50, 14 und im selben Psalm im letzten Vers heißt es: „Wer Dank opfert, der preiset mich, und da ist der Weg, das ich ihm zeige das Heil Gottes!“
Da stand in beiden Versen DANK OPFERN. Da ist nicht davon die Rede, dass Danken leicht fallen muss. Da steht, dass danken auch sehr wehtun kann. Opfern ist doch eine Sache, bei der man etwas abgibt und nie wieder zurückverlangt. Das, was ich opfere ist dann nicht mehr mein Eigentum. Und dann stand da, dass Dank opfern ein Weg ist, ein Weg auf dem Gott uns etwas Besonderes zeigt, nämlich sein Heil.
Nun verstand ich etwas mehr vom Danken. Danken musste nicht unbedingt leicht über die Lippen gehen. Danken konnte wirklich alles von mir fordern. So ungefähr wie ich es einmal gedichtet hatte:
Bist du bereit dein Liebstes zu lassen,
das wo am meisten dein Herz dran hängt,
wo nur der Gedanke ans loslassen müssen,
alles in dir zum erbeben bringt.
Wieder las ich in Epheser 5,20: „Saget Dank allezeit für alles, Gott dem Vater“
Ich konnte nicht. Ich wollte auch nicht.
Ich konnte doch nicht sagen: „Herr, ich danke dir dafür, dass unser Kind todkrank ist. Danke, dass es Krebs hat und bald sterben wird!“ Wir hatten doch um Heilung gebetet, darum, dass Gott ein Wunder tun und unser Kind gesund machen würde. Wenn ich Gott jetzt danken würde, dann würde ich ja alles über den Haufen werfen, worum wir vorher gebetet hatten. Es schien mir so widersinnig.
Doch was hatte Hiob gesagt? „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen.“ (Hiob 2,10) War es dann nicht so, das, wenn Gott Böses schickt, es nur Gutes sein kann, weil er denen, die ihn bitten nur Gutes gibt? (Matth. 7,11)
Es wühlte in mir. Ich sah, dass eine Entscheidung von mir gefordert war. War ich bereit für alles zu danken oder nicht? Die Aufforderung: „Sagt Dank allezeit für alles, Gott dem Vater!“ ließ keine Wahlmöglichkeit offen. Ich konnte mich nur dagegen entscheiden. Das wollte ich aber auch nicht. Aber zwingen lassen wollte ich mich auch nicht. Ich fühlte mich unter Druck und kam doch nicht zur Ruhe. Zum Schluss betete ich: „Herr du verlangst von mir, dass ich dir danke. Ich verstehe nicht warum, aber weil du es sagst, darum will ich es tun!“ Ich war verzweifelt, aber ich wollte gehorsam sein und entschied mich jetzt da hindurch zu gehen.
„Herr, ich danke dir, dass unser Kind Krebs hat. Ich danke Dir, dass es todkrank ist. Ich danke dir, dass du das zugelassen hast. Ich danke dir, dass du es bis jetzt nicht geheilt hast!“ So ähnlich habe ich damals gebetet. Die Worte kamen mir sehr schwer über die Lippen, doch dann war ich endlich durch diesen inneren Kampf hindurch.
Wenige Augenblicke später geschah etwas Eigenartiges. Eine Freude durchströmte mich, die ich als völlig unpassend für die Situation empfand. Angesichts unseres todkranken Kindes konnte ich doch nicht so glücklich sein, sagte ich mir. Doch ich war glücklich! Andere, mit denen ich Tage später darüber sprach meinten: „Joachim, sei vorsichtig, du lebst momentan in einer großen inneren Anspannung.“ Aber es war so, die Freude blieb.
Aber was war der eigentliche Grund für diese Freude? Ich entdeckte, dass in dem Augenblick, wo ich Gott Dank opferte – anders kann ich es nicht sagen – meine Rebellion gegen sein zulassen unserer Not gewichen war. Sie war einem Ja zu dem, wie Gott handelte, gewichen. Meine Rebellion wich einem Vertrauen zu Gott.
Ich erkannte aber auch, welch ein Rebell ich bis dahin gewesen war. Trotzdem ich Christ war – trotz meiner Wiedergeburt – war ich ein Rebell gegen Gott gewesen. Nun hatte Gott mir die Augen über mein Herz geöffnet.
Als ich diese Lektion gelernt hatte, sagte ich zu Gott: „Herr du hast mir jetzt die Lektion mit dem Danken – trotzdem beigebracht, kannst du jetzt nicht doch unser Kind gesund machen?“ Aber Gott entschied anders. Er ging seinen Weg mit Daniel weiter und nahm ihn zu sich.
Trotz Trauer über seinen Tot, blieb meine Freude. Ich konnte es selber nicht verstehen. Vielleicht ist das „Trotzdem Danken“ “mein“ Gethsemane. Jesus hatte dort auch im Gebet gefleht: „Herr, wenn es möglich ist, so gehe der Kelch an mir vorüber…, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Als Jesus sich zum einem ganzen inneren „JA VATER“ hindurch gerungen hatte, da hatte er auf einmal wieder eine erstaunliche Sicherheit. Vorher hatte ihn Zittern und Zagen überfallen, jetzt konnte er denen begegnen, die ihn gefangen nahmen. Und wie begegnet er ihnen? doch als einer der agiert und nicht nur reagiert. Der Weg, den er gehen würde, war jetzt klar. Der innere Todeskampf fand in Gethsemane statt.
Unsere Rebellion braucht einen Todesstoß und der ist nur möglich indem wir Gott dank opfern; indem wir Gott danke sagen für alles.
Loslassen
Daniel starb am 8. September 1984 und es tat uns unendlich weh. Wir hatten beschlossen, Mirjam und Samuel zur Beerdigung mitzunehmen. Samuel stellte viele Fragen, doch dann begriff er auf einmal, dass sein Bruder in dem kleinen Sarg lag. Er fing an zu weinen, wie ich noch nie ein Kind mit vier Jahren habe weinen gehört. An diesem Tag wirkte er älter als ein dreijähriges Kind. Er hatte nun keinen Bruder mehr. Beide Brüder waren tot. Wenn ich später seine Freunde sah, dann wurde ich das Gefühl nicht los, dass er immer noch auf der Suche nach seinem Bruder ist.
Wieder standen wir vor einem offenen Grab. Es war dasselbe, in welchem schon Christian lag.
Ich erinnere mich an die Worte, die damals gesprochen wurden: „Wann ist ein Leben erfüllt? Wenn man alt ist? Nein, ein erfülltes Leben hat nichts mit dem Alter eines Menschen zu tun. Ein Leben ist dann erfüllt, wenn Gott mit einem Menschen zu seinem Ziel gekommen ist. Das kann mit 80 Jahren sein oder auch schon mit 1 ½ Jahren“. Gott war mit Daniel und Christian zum Ziel gekommen. Beide starben mit 1 ½ Jahren.
Wir hatten gedacht, dass unsere Kinder den Tot von Daniel verkraftet hatten aber es war nicht so.
Irgendwann im Dezember 1984 wurde Samuel auf einmal wütend. Er stampfte mit dem Fuß auf den Boden und sagte: „Ich will, das Daniel jetzt wiederkommt!“ Wir versuchten ihm klar zu machen, dass Daniel jetzt bei Jesus war. Aber von Worten die man hört, bis zur Annahme der unabänderlichen Tatsache des Todes ist es ein Weg, den jeder selber gehen muss.
Zeit heilt nicht die Wunden. Zeit kann überhaupt keine Wunden heilen, aber in der Zeit erleben wir Neues. Wir bekommen neue Gedanken, die uns helfen Einsicht zu gewinnen. Einsicht hilft uns anzunehmen.
Irgendwann um Ostern 1985 kam Angelika wieder einmal dran, den Kindergottesdienst zu halten. Die vorgegebene Geschichte war „die Tochter des Jairus“. Jesus machte die Tochter des Jairus wieder lebendig. Samuel war auch unter den Kindern. Sollte Angelika diese Geschichte überhaupt erzählen? Sie rang sich durch, es trotzdem zu tun.
Nach dem Kindergottesdienst kam Samuel zu Angelika und sagte: „Jesus hat unseren Daniel doch gesund gemacht!“ Angelika konnte Samuel nicht verstehen, denn, obwohl wir immer um Heilung gebetet hatten, war Daniel nun doch gestorben Wie sollte man das verstehen? Angelika verstand nun Samuel nicht und fragte: „Wie meinst du das, dass Jesus Daniel gesund gemacht hat?“ „Ja, Jesus hat Daniel zu sich in den Himmel geholt und dort hat er ihn gesund gemacht. Jetzt ist er bei ihm und kann dort spielen.“
Angelika war verblüfft. Konnte es eine bessere Erklärung geben für das, was Jesus getan hatte? Sie wäre nicht im Entferntesten auf diese Antwort gekommen. Gott selber hatte sie nun Samuel durch seinen heiligen Geist gegeben.
Ab diesem Zeitpunkt forderte auch Samuel nicht mehr das Wiederkommen von Daniel. Er hatte den Verlust angenommen.
Was schweißt eigentlich zusammen, ist es nicht auch gemeinsam erlebtes Leid?
Wenn Jesus sagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“, dann ist er doch gemeinsam mit uns durch das Leid gegangen. Dann tut ihm doch auch weh, was uns weh tut. Als er auf der Erde lebte, ist er doch auch nicht am Leid der Menschen vorübergegangen. Das Leid ließ ihn nicht kalt. Und als Stephanus gesteinigt wurde, war Jesus bereits im Himmel und nicht ruhig auf seinen Thron sitzen geblieben, nein, da war er aufgesprungen und stand zur Rechten Gottes.
Ich denke, dass Jesus im Laufe der Zeit schon oft aufgesprungen ist, weil ihm unser Leid bitter wehgetan hat.
Wie geht es uns, wenn ein naher Angehöriger stirbt? Als wir damals in den Tagen, nachdem Daniel gestorben war durch Gmunden gingen, war uns alles fremd geworden. Wir konnten nicht verstehen, dass Menschen lachen konnten. Wir hatten das Gefühl, wir gehörten hier nicht mehr her. Das, was um uns herum geschah, war alles so weit weg.
Ich hatte ja in den Tagen, als Daniel starb, eine Freizeitgruppe zu leiten. Es war wieder eine Berg- und Wanderfreizeit. Ich saß mit den Gästen gerade im Speisesaal, als Angelika schweigend zu mir kam. Sie nahm mich an der Hand und ging mit mir hinüber in unsere Wohnung zu Daniels Bettchen. Ich wusste sofort, was geschehen war. Dort lag er, wie sie ihn am Abend vorher hingelegt hatte. Er war im Schlaf hinübergegangen zu Gott, so wie wir es von Gott erbeten hatten. Wir sahen uns an, nahmen uns in die Arme und konnten nur noch weinen.
Daniel war in dieser Nacht sehr unruhig gewesen. Immer wieder rief er „Mama, Mama“. Jedes Mal stand Angelika auf. Sie konnte einfach nicht mehr. Irgendwann schlief Daniel dann ein. Es war seine letzte Nacht. Angelika wunderte sich am nächsten Tag, dass er so lange schlief. Sie schaute zwischendurch zu ihm aber er lag ruhig in seinem Bettchen und schlief. Sie war froh, dass er nach dieser Nacht so gut schlafen konnte. Als sie dann das nächste Mal zu ihm schaute, entdeckte sie, was geschehen war. Daniel lebte nicht mehr.
Gott wischt alle Tränen ab
Wir riefen den Arzt. Es war der zweite Totenschein, den er in unserer Familie ausstellen musste. Er konnte es nicht fassen. Weinend stand er vor uns. Wir konnten ihn trösten. Gott macht keine Fehler.
Wie geht es Gott dabei? Von Jesus wissen wir durch Stephanus, dass er aufstand von seinem Thron. Aber wie ist Gott? Lässt den Vater im Himmel unser Leid kalt? Ich möchte es mit einem eindeutigen NEIN beantworten. Warum?
1.) Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen, und das Meer ist nicht mehr.
2.) Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, bereitet wie eine geschmückte Braut ihrem Mann.
3.) Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein;
4.) und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
5.) Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!
6.) Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von dem Brunnen des Lebendigen Wassers
umsonst
7) Wer überwindet, der wird das alles erben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.
Offenbarung 21, die Verse 1-7.
„Wie geht es Gott wenn wir leiden?“, war meine Frage. Was sagt uns der obige Text? Gottes erste Tätigkeit ist, Tränen ab zu wischen.
Wer die Offenbarung durchliest, wird entdecken, dass bis Kapitel 20 Gottes Wille in vielen Fällen durch Engel ausgeführt wird. Er selbst greift in all den Gerichten nie direkt selbst ein. Aber jetzt geschieht etwas anderes, denn das, was Gott hier zuerst selber tut, ist TRÄNEN ABWISCHEN.
“Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.” So wichtig ist für Gott das Trösten.
Das heißt: Gott hat alle unsere Tränen gesehen, all die Nöte, die uns verzweifeln ließen. Und trösten will er nun selber. Dies lässt er nicht die Engel machen. Nein, endlich kann er uns persönlich zeigen, welch ein liebender Vater er ist und die ganze Zeit war.
Wie schmerzhaft muss es für Gott sein, die Seinen auf Erden jetzt noch nicht „zum Angreifen“ trösten zu können. Weil er heilig ist, würden wir vergehen, wenn wir ihn sehen würden. Doch es wird der Tag kommen, da wird das Trösten Gottes erste Tätigkeit sein! Da wird er uns an sich drücken und die Tränen abwischen. Wir sind alle trostbedürftig und wir wissen – nur Gott kann uns den Trost geben, nach dem wir uns sehnen. Wir dürfen wissen: Gottes Sehnen ist es, dich und mich zu trösten und eines Tages wird er es tun. Bei ihm können wir uns endlich einmal ausweinen, wie ein Kind, welches sich mit seinem Schmerz zur Mutter flüchtet.
Aber manche Menschen können oder konnten nicht bei der Mutter weinen. Die Mutter hatte kein Verständnis für ihre Not. Doch bei Gott, dürfen wir die Tränen weinen, die wir hier nie weinen durften und Gott wird sie dir alle abwischen. Er wird uns die Gewissheit geben, dass nie mehr der Tod, noch Geschrei, noch Leid, noch Schmerz kommen wird.
Gott ist es so wichtig, die Seinen zu trösten, dass er es tut, bevor er alles neu macht. Haben wir nicht einen liebenden Vater im Himmel, denn erst nachdem er uns getröstet haben wird, sagt er: „Siehe ich mache alles neu!“
ERINNERUNGEN
Jeder hat Erinnerungen. Jede Stadt hat ein Kriegerdenkmal. Erinnerungen an zigfaches Leid. Um jeden, der dort mit Namen steht, wurden Tränen geweint. Jedes Dorf hat einen Friedhof. Jedes Grab seine Geschichte. Und an jedem Grab wurde geweint.
Und jeder von uns hat Erinnerungen. Erinnerungen an Situationen – Plätze – Orte. Wir erleben schönes und können später über manches noch lachen.
Aber da sind auch Orte, da kommen Erinnerungen hoch, da fangen die Menschen an zu zittern wenn sie daran denken, was dort geschah. Und am Ende der Zeit wird sich der ganze Planet Erde in einen Ort schrecklicher Erinnerungen verwandeln. Es wird dann keinen Ort guter Erinnerungen mehr geben. Und Gott, der uns getröstet haben wird, sagt nun: „Siehe ich mache alles neu!“
Das heißt: Von nun an wird es keinen Ort schrecklicher Erinnerungen mehr geben. Alle diese schrecklichen Orte werden für immer ausgelöscht sein. Es wird kein Denkmal der Sündhaftigkeit des Menschen mehr geben. Wir werden nie mehr an einen Ort kommen und innerlich erzittern. Der Schmerz der Vergangenheit und der Ballast der Vergangenheit werden für immer vorbei sein. Ja und die, die an uns schuldig geworden sind, werden, wenn sie wie du und ich durch das Blut Jesu auch rein geworden sind, mit uns bei Gott sein. Aber, werden da nicht alte Erinnerungen wach? Das mag sein, aber auch dafür hat Gott gesorgt, denn die Blätter vom Baum des Lebens dienen zur Heilung der Völker. (Off. 22,2)
Gott schenkt völlige Heilung. Eines Tages wird auch das schrecklichste Bild aus unserer Erinnerung ausgelöscht sein. „Siehe, ich mache alles neu!“
Aber damit ist Gott noch nicht zu Ende.
Sein heilendes Handeln geht weiter, denn das zweite was er tut ist unseren Durst zu löschen. „Ich will dem Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst.“ (Vers 6) Gott kennt nicht nur unsere Trostbedürftigkeit sondern Gott kennt unseren Durst. An diesen Tätigkeiten Gottes erkennen wir Gottes und unsere Sehnsucht als seine, dass endlich alles neu wird.
Da ist unsere Hoffnung, getröstet zu werden.
Da ist unsere Sehnsucht nach dem Neuen – danach, dass das Alte endlich vorbei ist.
Da ist das Verlangen nach Wasser, das unseren Durst nach Leben stillt. Durst ist schlimmer als Hunger. Gott sieht, wie groß unser Durst ist.
Das emotionale Loch in unserem inneren ist so groß, dass nichts und niemand, (weder Droge noch Alkohol oder Aktivität) diesen Durst stillen kann.
Da ist der Durst: nach verstanden werden.
nach Sicherheit
nach Geborgenheit
nach Bedeutung
nach Liebe
nach Annahme
nach Zuwendung
nach heilen Beziehungen.
Ja, selbst die Gewissheit – ein Kind Gottes zu sein – nimmt uns nicht den Durst, denn wir leben in einer von der Sünde zerstörten Welt. Einer Welt, in der wir einander auch als Gläubige immer wieder verletzen .
Wir haben Durst nach ewigem Frieden und ewigem Heil. Der Heilige Geist gibt uns einen Vorgeschmack (Gal. 5,22 LIEBE, FREUDE, FRIEDE, GEDULD, usw.) aber die Erfüllung ist erst im Himmel.
Gott sieht unseren Durst. Er selbst will und wird unseren Durst stillen. Und nur Gott kann unseren tiefen Durst – dieses Loch in unserem Inneren – stillen.
Wer überwindet, wird alles ererben……
Es geht um mehr, als die Sünde zu überwinden. Es geht um den Verzicht, die Leere des Lebens selber zu stillen und zu warten, bis Gott die Leere – den Durst stillt. Überwinden, das bedeutet Verzicht auf “Seelentröster”. Der Verzicht, auf schnellem Wege die Not selber zu überwinden. Wer überwindet, wird alles ererben… auch Trost von Gott
Aber glauben wir das? Denken wir so von Gott? Glauben wir, dass er uns jetzt hier schon ganz nah ist? Wie nah ist uns Jesus? Glauben wir, dass er mit uns mit leidet? Glauben wir, dass ihm selbst die schmerzhaften Folgen unserer Sünde wehtun, so wie sie uns selber auch weh tun? Glauben wir das? Können wir das so von Jesus denken? Glauben wir, dass er und ich hier auf der Erde bereits EINS sind?
Gleich kommt da unsere Frage: Ja, wenn das so ist, warum tut er dann nichts? Aber wir haben bereits gehört, dass er, wenn er nichts tut, doch genau das Richtige tut. Das Richtige für die unsichtbare Welt und auch das Richtige für uns. Er erwartet nicht, dass wir das verstehen.
Er erwartet nur dass wir ihm vertrauen!
Hannah
Angelika wurde wieder schwanger. Es war eine Problemschwangerschaft. Angelika hatte von Schwangerschaft zu Schwangerschaft zunehmend mit hohem Blutdruck zu kämpfen. Das hatte zur Folge, dass sie viel liegen musste. So lag sie zunächst im Krankenhaus Vöcklabruck – in dem Krankenhaus, mit dem wir eigentlich nichts mehr zu tun haben wollten.
In dieser Zeit machte ich den Umzug nach Köflach. Hier erlebten wir es ähnlich wie in Gmunden. Unsere zukünftige Wohnung war noch nicht fertig und ich wohnte die ersten Wochen mit Mirjam und Samuel in einem Zimmer. Wieder einmal war unsere gesamte Wohnungseinrichtung in einem Raum untergestellt. Aber das kannten wir ja schon. Angelika wurde von Vöcklabruck ins Voitsberger Krankenhaus überstellt. Doch hier stellte man fest, dass man mit ihrem Problem überfordert war und Angelika kam nach Graz. Hier im Krankenhaus war sie gut aufgehoben, denn die Ärzte waren spezialisiert auf Frauen mit Problemschwangerschaften.
Unser Kind sollte Mitte Oktober geboren werden. Doch es kam wieder einmal alles ganz anders. Am 13. August. – meinem Geburtstag wollte ich Angelika im Krankenhaus besuchen. Mit einem Freund aus Oberösterreich kam ich in ihr Zimmer, doch Angelika war nicht hier und ihr Bett frisch bezogen. “Sie haben eine Tochter”, hieß es. „Nein, das kann nicht sein, denn unser Kind soll erst im Oktober geboren werden!“ Doch die Frauen beglückwünschten mich und schickten uns einen Stock tiefer. Hier fand ich dann Angelika noch ganz benommen von der Narkose wegen des Kaiserschnitts. Man hätte ihr bereits gesagt, dass wir eine Tochter hätten! Nun war ich aber doch neugierig und wollte das Neugeborene sehen, aber das war nicht so leicht. Sie lag im Brutkasten, denn sie wog nur 1.140 Gramm. Konnte sie da überhaupt überleben?
Wenige Stunden vor der Geburt hatten die Ärzte Angelika noch einmal untersucht und festgestellt, dass die Herztöne unseres Kindes nur sehr schwach waren. Angelika hatte Tags zuvor Fruchtwasser verloren, was die Schwester total übersehen und nicht gemeldet hatte. Nun sollte sofort die Geburt eingeleitet werden. Aber man stellte fest, dass dies das Kind nicht überleben wurde. „Entweder wir machen sofort einen Kaiserschnitt oder ihr Kind ist tot. Wir können nicht mehr abwarten bis ihr Mann kommt und für diese Operation unterschreibt“, sagten die Ärzte. „Mein Mann ist sowieso damit einverstanden und wird nachträglich unterschreiben“, antwortete Angelika. Im Eiltempo wurde nun alles vorbereitet und Hannah wurde geboren. Aber 1.140 Gramm ist sehr wenig Gewicht und wir bangten und beteten.
War das Ganze nicht eine eigenartige Geschichte? Unser erstes Kind stirbt an Angelikas Geburtstag. Was war das für ein „hartes“ Geschenk? Jahre hat es gedauert, bis wir ruhig darüber wurden. An Geburtstagen erinnert man sich einfach.
Und nun: Unser letztes Kind wird an meinem Geburtstag geboren. Was war das für ein „großartiges“ Geschenk. Wer bekommt schon zu seinem Geburtstag ein Kind geschenkt? Als wenn Gott schmunzelnd im Himmel sitzt und sagt: „Ich kann euch an Euren Geburtstagen nicht nur ein Kind nehmen, sondern auch ein Kind geben!“
Aber ist es nicht doch auch ein Geschenk, wenn Gott an unserem Geburtstag unser Kind zu sich holt? Wir wissen, dass Christian und Daniel bei Gott sind. Sie sind schon da und damit gerettet für alle Ewigkeiten. Kann Gott uns Eltern etwas Besseres schenken? Wir werden unsere Kinder wieder sehen. Sie kommen nicht zu uns zurück, aber wir werden zu ihnen kommen.
Angelika kam nach ein paar Tagen nach Hause. Hannah lag noch länger in Graz. Sie nahm langsam aber stetig zu und konnte bereits nach ein paar Tagen aus dem Brutkasten heraus. Als sie dann über zwei Kilo hatte, kam sie ins Kinderkrankenhaus. In einem solchen war bereits unser Christian gelegen. Hannah musste operiert werden, denn beide Leisten waren noch nicht geschlossen. Im Oktober kam sie endlich nach Hause und wuchs und gedieh.
Es war ein dreiviertel Jahr später. Mitten in die Aufbauarbeit der zukünftigen Seelsorgearbeit kam eine erneute Hiobsbotschaft. Wir waren gerade zu Informationsdiensten in Norddeutschland unterwegs und hatten unsere jüngste Tochter Hannah bei Angelikas Eltern gelassen. Als wir nach drei Tagen wieder zurückkamen, wunderten wir uns, dass Hannah so blass war. Außerdem hatte sie leichtes Fieber. Was war los? Nach Österreich zurückgekehrt, gingen wir gleich zum Arzt. Im Krankenhaus in Kirchdorf an der Krems stellten die Ärzte innerhalb weniger Stunden fest, das unsere Tochter an Leukämie erkrankt war.
Ich kann es schwer beschreiben, was sich in diesen Augenblicken in unserem Inneren abgespielt hat. “Herr, willst du uns noch ein Kind nehmen?” Sollten wir wieder an einem Sarg stehen?
Angelika war so verzweifelt, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wollte. Wozu sollte sie noch leben, fragte sie sich. Ich fasste sie an beiden Schultern und schüttelte sie durch, als sie diesen Gedanken aussprach. Ich selber verstand zwar auch überhaupt nichts mehr, aber ich wusste, dass Gott wusste, was er da zugelassen hatte. Dann erinnerte ich mich an die Lektion, die ich kurz vor dem Sterben unseres Daniels gelernt hatte! “Saget Dank, allezeit für alles!”
Unsere erste Frage an die Ärzte war auch gleich: „Wie soll es weiter gehen?“ – “Hier in Kirchdorf kann sie nicht bleiben, aber in Linz im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern ist die richtige Abteilung. Dort haben sie schon oft leukämiekranken Kindern helfen können.“ Also ging es diesmal nach Linz. Wir wurden liebevoll aufgenommen. Wieder mussten wir unser Kind in die Hände anderer legen.
Saget Dank, allezeit für alles, Gott dem Vater.
Ich sagte mir, dass ich nicht mehr nach dem Warum oder Wozu herumrätseln würde, ich würde nicht versuchen, es zu ergründen. Vielleicht war Tschernobyl schuld. Vielleicht hatten wir Hannah in der Steiermark nicht genug geschützt. Alles rätseln würde nichts helfen. Wir mussten die Tatsache akzeptieren, dass Hannah Leukämie hatte.
Die Mühle der Untersuchungen begann. Dann die Frage der Ärzte: „Sind sie bereit, dass wir ihr Kind auch in unser Studienprogramm aufnehmen dürfen? Das bedeutet, dass wir bestimmte Experimente machen dürfen, die uns helfen in der Forschung weiterzukommen. Die Experimente sehen so aus, dass man in das bisherige Therapieprogramm an bestimmten Stellen eine kleine Veränderung einbaut. Je nach dem wie der Körper darauf reagiert, weiß man, ob man in dieser Richtung weitergehen darf oder nicht.“
Sollten wir zustimmen? Sollten wir unser Kind womöglich noch größerem Leid aussetzen? Hannah war nun gerade einmal zwei Jahre alt. Wir stimmten zu. Hannah würde ein kleiner Baustein sein, der es ermöglichen würde anderen Leukämiekranken Kindern noch effektiver zu helfen.
Die Ärzte machten uns Mut. „80% der Kinder werden heute geheilt“, sagten sie, aber wer konnte uns versichern, dass nicht unser Kind ausgerechnet wieder was Besonderes hatte und zu den restlichen 20% gehörte, für die es keine Heilung gab?
„Saget Dank allezeit für alles“ sagte ich mir. „Herr, ich danke dir, das du es zugelassen hast, dass unsere Hannah an Leukämie erkrankt ist. Amen“
Mein Problem war, dass ich nicht wusste, welche Lektion ich jetzt noch lernen sollte. Ich konnte nur alles von Gott annehmen, so wie es war und ihm einfach alles anvertrauen, was auch kommen würde. Das gab mir eine große innere Gelassenheit. Genau genommen lernte ich auch keine neue Lektion hinzu. Ich wandte lediglich an, was ich bisher gelernt hatte. Rebellion gegen die neue Zulassung Gottes stieg in mir nicht auf. Auch meine Mutter war ja an Leukämie gestorben.
Nach den Voruntersuchungen begann die Chemotherapie. Für uns war überhaupt keine Frage, ob diese bei Hannah durchgeführt werden dürfe oder nicht. Hannah war über den Ärzten in Gottes Hand. Die Ärzte erklärten uns, wie es Hannah ergehen würde. Wann die Haare ausfallen würden und warum. Sie erklärten uns genau, wie der „normale“ Verlauf einer Chemotherapie im Falle einer Leukämie bei Kindern ist. Wir vertrauten ihnen, aber zwischendurch kamen die Ängste, dass wir wieder ein Kind ins Grab legen müssten. Diese Ängste wurden auch noch genährt, als es hieß Hannah hätte eine Geschwulst, die die Ursache der Leukämie sein könnte. Doch eine Operation im Halsbereich brachte die Klarheit, dass es keinen Tumor gab. Hannah hätte nur eine ganz normale ALL – Akute lymphatische Leukämie.
Dann begann die eigentliche Therapie. Als unsere Freunde und viele Menschen darüber hinaus von unserer Geschichte erfuhren, wurden viele Gebete an Gott gerichtet. Ich erlebte diese Zeit in einer fast unverschämten Gelassenheit in Gott, ich fühlte mich von Gott getragen. Ich bin allen dankbar, die gebetet haben. Angelika hatte schwerer zu kämpfen.
Und Hannah? Von Anbeginn der Therapie hielt sie den Ärzten unbekümmert die Hand hin, wenn es wieder einmal darum ging eine neue Nadel für eine Spritze oder Infusion zu setzen. Die Ärzte sagten uns, dass es so etwas eigentlich nie vorkam, denn nach ein paar Mal Stechen würden die Kinder sich wehren und anfangen zu schreien. Hannah schrie nicht. Sie entwickelte auch keine Angst vor den weißen Kitteln.
Zwischendurch wurde sie punktiert, um Rückenmarksflüssigkeit zu bekommen. Ich war dabei und sie schrie schrecklich. In mir wühlte es. Es tat mir so weh, völlig hilflos dabeizustehen und unser Kind an andere abzugeben, abgeben – immer wieder abgeben. Tränen standen mir in den Augen. Erwachsene haben nach dieser Punktion oft eine ganze Woche lang noch schlimme Schmerzen. Hannah saß nach der Punktion wieder in ihrem Bettchen, als wenn nichts gewesen wäre und mir liefen die Tränen herunter.
Wochenlang ging es nun in diesem Rhythmus: Vier Tage Krankenhaus, drei Tage zu Hause. Den Ärzten war es ganz wichtig, dass die Kinder nicht den Bezug zu Elternhaus und Geschwistern verloren. Lieber gingen sie das Risiko einer Infektion ein, als dass die Kinder den Bezug zum Elternhaus verlieren – und das auch oder sogar besonders in der Zeit, wenn das Immunsystem so gut wie Null war. „Die Geborgenheit im Elternhaus, ist ein wichtiger Faktor der Heilung“, sagten sie. Wir waren froh, so Hannah doch immer wieder bei uns haben zu können.
In den Tagen im Krankenhaus besuchten wir sie abwechselnd, immer einer von uns meistens ganztägig. Abends nahmen wir dann von ihr so Abschied, wie wir ihr auch an ihrem Bettchen zu Hause gute Nacht gesagt hätten. Unser Gebet in dieser Zeit war wie schon Jahre zuvor für Christian: „Herr fülle du das aus, was wir ihr jetzt in dieser Zeit als Eltern nicht geben können!“
Bei Hannah war nach einigen Monaten die intensivste Zeit der Chemotherapie abgeschlossen. Die Haare waren ihr alle ausgefallen und wuchsen langsam wieder nach. Die Ärzte waren über den Verlauf der Heilung sehr zufrieden. Sie erklärten uns, dass man noch vor einigen Jahren bei Kindern in Hannahs Alter die Chemotherapie auf eineinhalb Jahre begrenzt hatte. Doch verschiedene Studien hätten gezeigt, dass einige Rückfälle mehr zu verzeichnen waren. Nun hätte man die Therapie auf zwei Jahre verlängert. Dies bedeutete aber lediglich, dass sie die Medikamente über einen längeren Zeitraum einnehmen musste. Sie musste nach der Intensivzeit nicht mehr im Krankenhaus liegen, was für uns eine große Erleichterung war. Zuerst mussten wir noch einmal pro Woche zur Blutkontrolle ins Krankenhaus, dann verlängerte sich dieser Zeitraum. Zum Schluss war es dann nur noch einmal im Jahr. Ab ihrem siebten Lebensjahr mussten wir überhaupt nicht mehr kommen. Sie galt als geheilt.
Wir waren Gott unendlich dankbar. Besonders in den Jahren danach musste ich immer wieder, wenn ich sie so ansah, daran denken, dass Gott uns Hannah gleich dreimal geschenkt hatte. Zuerst, weil sie nicht bereits im Mutterleib gestorben war. Dann, als sie die Geburt und die Zeit danach als Frühgeburt überlebt hatte und schließlich, als sie von der Leukämie geheilt worden war.
Joachim Stöbis
Gallengangsatresie heute
Die Gallengangsatresie ist eine entzündlich-destruierende (zerstörende) Erkrankung, bei der es peripartal (Im Zeitraum kurz vor oder nach der Geburt) zu einem Verschluss der extrahepatischen(außerhalb gelegenen) der Gallenwege kommt. Mit etwa 1:15.000 betroffenen Neugeborenen ist sie die häufigste lebensbedrohende Lebererkrankung in der frühen Kindheit. Die Prognose der erkrankten Kinder hängt entscheidend von einer frühzeitigen Diagnose und umgehender chirurgischer Therapie ab. Dazu müssen andere Ursachen möglichst schnell ausgeschlossen werden. Das 10-Jahres-Überleben aller Kinder mit Gallengangsatresie unter Einbeziehung der lebertransplantierten Kinder liegt heute bei etwa 70% der Patienten.
Quelle: http://www.springerlink.com/content/qg9a17nlrf2n3tl8/
Verfasst von Joachim Stöbis 