So nimm denn meine Hände

8. April 2009

Im Sommer habe ich Geburtstag. Nun war es in unserer Schule Sitte, dass man sich als Geburtstagskind ein Lied aussuchen konnte. Die meisten Schüler ließen sich “Das Wandern ist des Müllers Lust” oder “Am Brunnen vor dem Tore”, vorsingen. Ich wählte immer das Lied:

“So nimm denn meine Hände und führe mich, bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt, wo du wirst gehen und stehen, da nimm mich mit.”

joachim-schulklasseDen Mitschülern wurde das langsam lästig, dass sich der Stöbis schon wieder das fromme Lied wünschte. “Diesmal wählst du dir ein anderes Lied” wurde mir zugezischt. Doch ich sagte: “Das ist mein Geburtstag und ihr werdet mir singen, was ich will!” Beliebt wurde ich mit meiner Liedwahl bei den Mitschülern nicht.

„So nimm denn meine Hände“! Es war mir damals schon sehr wichtig das Gott das letzte Wort in meinem Leben hat. Ich wollte das Richtige tun, aber ich merkte, ich schaffe das nicht allein. Ich brauche jemand der mich an die Hand nimmt und mich führt. Wie sollte ich sonst durchs Leben kommen? Und dieser Jemand konnte für mich kein anderer als Gott selbst sein.

50 Jahre sind vergangen. Das Lied mag ich immer noch. Es ist für mich kein Beerdigungslied, sondern ein Lied fürs Leben bis in die Ewigkeit hinein.

Auch heute, wo ich schon in Rente bin, möchte ich von Gott geführt werden. Da möchte ich auch wissen was Gott von mir will. Gott ist zwar uralt, aber er ist kein Rentner und seine Kinder schickt er auch nicht in Rente. Darum darf ich ihn bitten: „Herr, hilf mir, heute etwas zu tun, was Ewigkeitswert hat.“

So nimm den meine Hände und führe mich
Bis an mein selig Ende und ewiglich!
Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Schritt;
Wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

In deine Gnade hülle mein schwaches Herz,
Und mach es endlich stille in Freud und Schmerz.
Lass ruhn zu deinen Füssen dein schwaches Kind;
Es will die Augen schließen und folgen blind.

Wenn ich auch gar nichts fühle von deiner Macht,
Du bringst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht.
So nimm denn meine Hände und führe mich
Bis an mein selig Ende und ewiglich!

Julie Hausmann

so-nimm-denn-meine-hande

Wer mehr von Julie Hausmann erfahren möchte hier der Link:

http://de.wikipedia.org/wiki/Julie_von_Hausmann


“bildern” nannte ich es

8. April 2009

moses-zerbricht-die-gesetzestafelnEs gab ein paar Bücher zu Hause. Darunter waren zwei besonders dicke und dementsprechend schwere Bücher. Es war die Bibel, das alte und das neue Testament mit Bildern. Ab und zu bettelte ich bei meiner Mutter, ob ich mal wieder „bildern“ dürfe. Und mit „bildern“ meinte ich „Bibel anschauen“! Sie gab mir die Bibeln nicht so gern und ermahnte mich jedesmal, ja vorsichtig zu blättern. Mit meinen 4-6 Jahren war ich noch nicht so ein guter blätterer. Ab und zu bekam eine Seite einen kleinen Riss. Ich war glücklich, wenn ich die Bibeln anschauen durfte. Es gab so viel zu sehen. david-und-goliathWie David dem Goliath den Kopf abschlug. Mose mit einem zornigen Gesicht und den beiden Tafeln in der Hand. Daniel in der Löwengrube. Jesus in der Krippe, mit Maria und Josef. So war ich in der Bibel zu Hause. Die Botschaft kam von den Bildern, aber nicht nur das, meine Eltern glaubten beide an Jesus.

Wir hatten auch noch einen kleinen Bildband, den ich öfter haben durfte: Szenen aus dem Leben Jesu. Ein Bild sprach mich besonders an. Jesus am Kreuz. Frauen standen um das Kreuz herum. Eine typische jesus-am-kreuzKreuzigungsszene. Eines Tages bin ich damit zu meiner Mutter gegangen. Ich wollte alles über die Kreuzigung wissen. Meine Mutter erklärte mir dass Jesus für unsere Sünden starb. Aber ich begriff nicht, warum man ihn ans Kreuz schlug. Ich umklammerte, bitterlich weinend, die Beine meiner Mutter und wollte mich nicht trösten lassen. Warum hatte man Jesus das angetan, er war doch unschuldig. Er hatte doch niemand Böses getan. Ich konnte nicht verstehen, dass Menschen so böse sein konnten und Jesus einfach an ein Kreuz schlugen.

Mit diesen Bildern wuchs ich auf. Und genaugenommen waren es ja nicht nur Bilder, sondern die Bilder enthielten eine gemalte Botschaft. Die Botschaft von der Sehnsucht Gottes nach uns Menschen.

Die Sehnsucht Gottes uns Menschen für Immer & Ewig in seine Gegenwart zu holen. Dafür tat Gott alles, ja dafür opferte er sogar seinen einzigen Sohn, JESUS!jesus-wandelt-auf-dem-meer

Und so „bilderte“ ich mich als Kind immer wieder durch die Bibel und die Geschichten wurden mir vertraut. Was ich nicht verstand, da konnte ich zu meiner Mutter gehen und fragen. Mein Vater war ja weg um zu arbeiten, der hätte es mir auch gesagt.


KINDERGARTEN gehen, mochte ich nicht!

5. April 2009

joachim06Kindheit in Reckenfeld

Eines Tages war ich alt genug und sollte in den Kindergarten. Weil es keinen evangelischen Kindergarten gab, sollte ich zu den katholischen Nonnen nach “Marienfried”. Als ich diese Nachricht hörte,  habe ich erst mal Rotz und Wasser geheult. Ich sah das überhaupt nicht ein, von der Mama wegzukommen. Es wurde mir zwar erklärt warum, aber das sah ich nicht ein. Der Grund war wohl unser Textilgeschäft, welches meine Mutter hauptsächlich führte. Sie hatte zu wenig Zeit für mich. Aber ich wollte ihr eh nicht zur Last fallen, Hauptsache ich blieb zu Hause. Aber es gab kein Pardon.

Der Weg zum Kindergarten war weit. Von dem Ortsteil D, Amselstraße 3 (heute Adlerstraße 3) wo wir wohnten, bis nach B in die Nordwalder Straße waren es zirka 2 km. Für mich ein endlos weiter Weg und eine endlos lange Zeit, die ich von meiner Mutter getrennt war. Meine Mutter brachte mich morgens mit dem Fahrrad dorthin und holte mich am Nachmittag gegen 4 Uhr wieder ab.

Das Schlimmste im Kindergarten war der Mittagsschlaf. Vom Mittagsschlaf hielt ich überhaupt nichts. Da wurden die, an den Seitenwänden aufgestapelten, Kinderbetten im Raum aufgestellt und dann sollte ich auf Kommando schlafen können. Alle schliefen und ich war wach. Wach sein, ruhig im Bett liegen und nicht spielen können, war für mich eine tägliche Plage.

haus_marienfried_-50ger_jahreDas Mittagessen war auch so eine Sache. Ich war sowieso ein heikler Esser. Sehr genau habe ich das Essen, auf Essbares untersucht. Das hat dann immer länger gedauert, bis ich das Essbare vom nicht Essbaren getrennt hatte. Eines Tages gab es Kohlrabi. Bei Kohlrabi brauchte ich nicht zu sortieren. Kohlrabi mochte ich überhaupt nicht. Eine Nonne sah das aber anders. Sie setzte sich zu mir. Die andern Kinder hatten sich alle schon hingelegt und schliefen. Ich saß vor meinen inzwischen eiskalten Kohlrabis und würgte eines nach dem anderen hinunter. Ab und zu würgte ich auch hinauf. Die Nonne hatte sehr viel Geduld mit mir. Oder sie bewies in ihrer Ungeduld sehr viel Geduld. Auf jeden Fall war ich erst fertig mit den Kohlrabis, bis der Teller wirklich ganz leer war. Dann durfte ich mich auch noch hinlegen. Aber diesmal brauchte ich mich nur noch kurz hinlegen, denn die ganze Mittagspause hatte ich mich mit Kohlrabi essen rumgeschlagen.

Wie schon erzählt wurde ich jeden Nachmittag von meiner Mutter wieder mit dem Fahrrad abgeholt.  Ein Auto hatten damals die Wenigsten. Eines Tages wurde ich nicht abgeholt oder mir schien es nur, weil früher aus war. Also machte ich mich auf den Weg meiner Mutter entgegen. Und dann sah ich auch schon meine Mutter, wie sie an mir vorbeifuhr. Ich schrie laut; “Mama, Mama, Mama!” aber sie hörte mich nicht. Verzweifelt fing ich an zu rennen, hinter meiner Mutter her, aber sie fuhr mir davon. Sie hatte mein Schreien nicht gehört. Meine Mutter war Richtung Bahnhofstraße gefahren, wo meine Großeltern wohnten. Ich lief also zur Bahnhofstraße. Aber meine Mutter war nicht dort. Aber jetzt war ich wenigstens bei den Großeltern. Der Großvater machte sich auf den Weg um meine Mutter zu suchen, die mich in der Zwischenzeit verzweifelt gesucht hatte. Bei meiner Großmutter habe ich mich erst einmal  ordenltlich ausgeheult, denn ich konnte nicht verstehen, das meine Mutter mich so im Stoch gelassen hatte. Es hat lange gedauert, bis ich mich beruhigt hatte. Warum war mir meine Mutter einfach davongefahren. Endlich kam sie zur Tür hinein. Sie war glücklich, mich gefunden zu haben. Sie erzählte, daß sie mich wie gewohnt, beim Kindergarten abgeholt hatte, aber ich sei nicht mehr da gewesen. So langsam begriff ich, daß die Frau hinter der ich hergelaufen war, gar nicht meine Mutter gewesen war.

Irgendwann sahen dann meine Eltern ein, daß das mit dem Kindergarten nicht das Richtige für mich war. Ich durfte wieder zu Hause bleiben. Wie froh war ich darüber, aber dann hieß es:

“Es gibt jetzt einen neuen evangelischen Kindergarten ganz in unserer Nähe, da gehst du jetzt hin.”  Wieder ging das Theater von vorne los. Kindergarten gehen hat mir überhaupt nicht gefallen. Wir hatten ja schließlich einen großen Garten und da gab es viel Platz zum spielen, wozu dann in den Kindergarten gehen?

Joachim Stöbis


Mia, meine Lumpenpuppe

12. Februar 2009

miaEines Tages bekam ich – als Junge im Alter vier Jahren – eine Puppe. Zu welchem Anlass ich sie bekam, Weihnachten oder Geburtstag, dass habe ich vergessen. Na ja, mir gefiel sie. Sie war ganz aus Stoff gemacht. Beigefarben ihr Kopf und der übrige Körper. Das Gesicht war hübsch aufgemalt. Sie lächelte mich an. Es war keine schöne Puppe für heutige Verhältnisse, aber es war meine schöne Puppe. Sie hatte ein schönes rot-blau gemustertes Kleidchen an. Wie sollte sie heißen? Ich gab ihr den Namen MIA. Warum? Ich weiß es nicht. Es hatte eine Tante gegeben, die Mariechen hieß. Vielleicht kam der Name Mia daher.

Ich muss die Mia überall mithin geschleppt haben. Es gibt sogar ein Foto davon. Mia musste für allerhand Turnübungen herhalten. Am liebsten spielte ich mit ihr schleudern – immer bis zur Zimmerdecke und wieder hinunter. Mia veränderte mit der Zeit ihr Angesicht. Es war ja eine Stoffpuppe und ihr Gesicht nur aufgemalt. Meine Mutter hatte Geduld mit mir und malte Mias Gesicht wieder neu. Bei Bedarf nähte sie auch den Kopf wieder neu an.

Eines Tages war wohl nicht mehr viel zu nähen am Kopf. Aber meine Mutter hatte eine Lösung. Sie nähte einen neuen Kopf und malte auch ein neues Gesicht. Nun konnte ich mich wohl wieder besser mit der Mia sehen lassen. Sie sah zwar nicht mehr so aus wie vorher, weil der Kopf neu war, aber der Rest war ja noch original.

Ich muss in der Folge mit Mia wieder sehr viele Turnübungen bis zur Zimmerdecke gemacht haben, denn eines Tages gab es an ihr nicht mehr viel zu reparieren. Mia wurde immer unansehnlicher. Aber mir gefiel sie. Meiner Mutter aber wohl gar nicht mehr.

Sie beschloss den Feuertod von Mia. Sie sagte: „Jetzt ist Schluss – Außerdem bist du ein Junge!“ Sie zog Mia das Kleidchen aus und steckte sie vor meinen Augen in den Ofen. Wir kochten damals noch auf einem normalen Kohleherd. Ich sah wie Mia verbrannte. Meine Mutter hatte extra die Ofentür aufgelassen. Mia loderte auf, schrumpelte zusammen und verkohlte. Bald war, bis auf Aschereste nicht mehr viel von ihr da. Eine Stoffpuppe mit Holzwolle gestopft verbrennt eben sehr schnell.

Irgendwo verschwand auch das Kleidchen von Mia.

Vierzig Jahre später bekam ich von meiner Schwester ein kleines Päckchen. Was kam da zum Vorschein? Das Kleidchen meiner Mia. Meine Schwester hatte es all die Jahre aufgehoben. Mir kamen beim Auspacken die Tränen. Erinnerungen kamen hoch. „Ja meine Mia!“ Da ist man auf einmal wieder der kleine Junge und schaut zurück. Da kam die Freude über die vielen schönen Turnübungen mit Mia aber da kam auch der Gedanke an ihren Todestag. Warum hat meine Mutter meine Mia verbrannt? Ich muss es stehen lassen. Sie hat damals so entschieden.

Etwas lebte nun aber doch noch – ihr Kleidchen.

Inzwischen sind weitere Jahre vergangen. Ich bin nun über 60 Jahre alt. Das Kleidchen meiner Mia „lebt“ immer noch. Meine Frau hat es etwas geflickt und nun hat es eine andere Puppe an.

Feuertod! Ich musste an manche unserer Gäste am Adelsmayrhof denken. Da wurde nicht die Puppe verbrannt, sondern sie selbst wurden im übertragenen Sinn verbrannt. Missbraucht und misshandelt, ungeliebt und gehasst, für schuldig erklärt und weggeworfen. Da brennen die Verletzungen an Körper und Seele. Wie schwer ist es für so einen Menschen Vertrauen zu üben. Aber bei Gott ist kein Ding unmöglich und so kann auch solch ein Mensch Schritt für Schritt vertrauen lernen, denn ohne Vertrauen kann man nicht leben. Aber die Narben bleiben.

Joachim Stöbis


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