Es war im November 1999 als Angelika an einem Hypophysenadenom operiert wurde. Das Adenom war so groß, dass der operierende Arzt damals schon sagte: „Das können wir nicht auf einmal operieren. Dazu ist eine zweite Sitzung nötig“ Inzwischen sind 6 Jahre vergangen. Das mit der zweiten Sitzung haben wir vor uns her geschoben. Weil aber ein zweiter Arzt ebenfalls der Meinung war, das eine OP notwendig ist, vereinbarten wir den 10. Oktober
. Der war nun vor 10 Tagen und nach den ganzen Voruntersuchungen die OP am 18. Oktober
Dauer der OP zirka 6-7 Stunden. Sie war erfolgreich, aber es konnte wieder nicht alles entfernt werden, weil der Tumor in einem Bereich liegt, wo ein weiteres Schneiden zum Tot geführt hätte. (Laut Aussage des operierenden Arztes.)
Am Mittwochvormittag kam Angelika von der Intensivstation bereits auf den Bettentrakt war aber völlig fertig und meinte immer noch die OP stehe ihr noch bevor. Am Donnerstag lief das Denken wieder in geordneten Bahnen aber sie war noch sehr sehr müde.
Wir sind dankbar für alle, die uns im Gebet durch diese Zeiten getragen haben. Sehr viele Mails haben uns erreicht und uns Mut zugesprochen.
Ich saß gestern an ihrem Bett und habe meine Gedanken aufgeschrieben. Es sind Gedanken, die sich überschlagen. In Stichworten festgehalten.
Joachim Stöbis
ICH SCHAUE IN DEIN GESCHUNDENES GESICHT
Meine geliebte Angelika
Geplagt
geschunden
müde
trockene Lippen, die nach Wasser schreien.
Verwirrt
gequält
was hat man dir angetan?
Aber wir haben uns entschieden
zur Operation
Sie war sehr schwer für dich
auch für den Arzt
Stunden saß er
um dich von deinem Tumor zu befreien
ach mein Schatz
Schmerzen
Verzweiflung
Nicht verstehen was geschah
In dir schreit es nach Ruhe
nach Schlaf
Ich sitze an deinem Bett
Du schläfst
völlig fertig
was ist geschehen
Welcher Tag ist heute
Donnerstag
ach ja,
Donnerstag
du bist schon operiert
ach ja?
es kann wohl sein.
Schlafen
Dein Gesicht ist verquollen
Ein Auge geschlossen
Dein Mund halb geöffnet
Ich warte
bis du wacht wirst
Warte auf ein Wort von Dir
Mein Herz klopft
mein Blutdruck stimmt nicht
die letzen Tage
viel zu Hoch
Es wühlt in mir
ich – der Hilflose
der mitentschieden hat, das du operiert wirst
War die Entscheidung richtig?
Wie wird die Qualität deines Lebens in Zukunft sein?
Wird alles anders werden?
Viele beten für uns
Bringen dich und mich vor Gott
Das Gott die Hände der Ärzte lenkt
wenn sie operieren
Wie wird Gott entscheiden?
Wird er uns noch glückliche Jahre geben
Hier
im Lande des Vergänglichen
im Lande der Durchreise
oder erst im Himmel
Im Lande des Ewigen
Wo kein Leid,
kein Geschrei
und kein Elend mehr sein wird.
Auch kein Tod mehr
Nur noch Leben
ewiges Leben
Ich schaue in dein geschundenes Gesicht
Ach mein Schatz
was hat man dir angetan?
Was sind unsere Entscheidungen?
Sind sie richtig?
falsch?
Die wirklich wichtigen Entscheidungen betreffen immer die Ewigkeit
Wo werden wir sie verbringen?
Bei Gott?
oder
getrennt von ihm?
Die anderen Entscheidungen
mögen die Qualität des Lebens bestimmen
gut oder schlecht
sie mögen uns Jahre kosten
oder Jahre bringen
es ist unwesentlich
wenn wir vom Ziel her sehen
Das Ziel ist Gott
ich schaue in dein geschundenes Gesicht
Dein Kopfverband fest eingeschnürt
Deine Haut schon besser als gestern.
ich habe Zeit
warte bis du wach wirst
warte auf Worte
du bewegst dich
Ein Auge öffnet sich
„Wie lange bist du schon da?“
Eine Stunde oder mehr.
Danke das du Geduld hattest
Das nächste Mal kannst du mich wecken
ich wollte das du schläfst
Es war auch so schön bei dir zu sein.
zu Hause habe ich es nicht mehr ausgehalten
Ich musste zu dir.
Grüße habe ich mitgebracht von vielen
Und noch viel mehr E-Mails haben wir bekommen
Viele Beten für dich – uns
Es ist gut, reden zu können
Ihre Worte sind langsam – aber klar
keine Verwirrung wie gestern
Gestern war Klarheit und Verwirrung
Das zu sehen tat weh
ich schaue in dein geschundenes Gesicht
Es ist gut deine Worte zu hören
Sie geben mir Zuversicht
Zuversicht, das die Heilung voranschreitet
ich sehe -
Du wirst wieder müde.
Reden kostet Kraft
Schatz du kannst ruhig gehen,
sagt sie
ich bin so müde
ja sie ist sehr müde
ich bin es auch – müde
Es war schon so vieles im Leben
was müde gemacht hat
Ich lasse aber nicht Gott los
Gott hat mir die Kraft dazu gegeben
und ich bitte Gott mir die Kraft zu geben
ihn bis zum letzten Atemzug
festzuhalten
Ich weiß –
in Wahrheit ist er es, der mich hält
Dem Teufel zum Trotz
ich schaue in dein geschundenes Gesicht
ich sage auf wiedersehen
ein Kuss
ich blicke mich um
schaue noch einmal zurück
ach mein Schatz
ich muß weinen –
bin verzweifelt
dann sitze ich im Auto
es geht nach Hause
Kilometer um Kilometer verrinnen
der Tacho geht nicht richtig
irgendwas ist nicht in Ordnung
aber dann geht es wieder
Ach mein Schatz was hat man dir angetan
ich habe mitentschieden
Ja zur Operation
ja zu einem geschundenen Gesicht
Habe ich richtig entschieden?
Am Nachmittag rufst du an
ich kann es kaum glauben
Du hattest am Morgen nach dem Wochentag gefragt
„Was ist heute für ein Tag?“
Donnerstag
Ja und dann riefst du an.
Du wolltest doch den Leuten im Seniorenkreis Grüße bestellen
Und das tust du jetzt.
Genau sie treffen sich jetzt
Deine Gedanken sind klar
Deine Stimme langsam
Die Senioren freuen sich
Tränen fließen
Sie hatten gerade angefangen für dich zu beten
als ich hereinkam mit dem Handy
Sie singen dir ein Lied
durchs Handy
du hörst sie
Es macht dir Mut
Dann lege ich auf.
Es geht dir besser
Ach Herr, was ist der Mensch
das du seiner gedenkst
Ja Herr, was sind wir ohne dich
verlassen hilflos ausgeliefert
Nur durch sind wir was wir sind
geliebte Kinder.
Joachim Stöbis
Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn,
er wird’s wohlmachen
Psalm 37,5
Verfasst von Joachim Stöbis 