Das können wir nicht auf einmal operieren

15. Januar 2009

Es war im November 1999 als Angelika an einem Hypophysenadenom operiert wurde. Das Adenom war so groß, dass der operierende Arzt damals schon sagte: „Das können wir nicht auf einmal operieren. Dazu ist eine zweite Sitzung nötig“ Inzwischen sind 6 Jahre vergangen. Das mit der zweiten Sitzung haben wir vor uns her geschoben. Weil aber ein zweiter Arzt ebenfalls der Meinung war, das eine OP notwendig ist, vereinbarten wir den 10. Oktoberangelika-11. Der war nun vor 10 Tagen und nach den ganzen Voruntersuchungen die OP am 18. Oktober

Dauer der OP zirka 6-7 Stunden. Sie war erfolgreich, aber es konnte wieder nicht alles entfernt werden, weil der Tumor in einem Bereich liegt, wo ein weiteres Schneiden zum Tot geführt hätte. (Laut Aussage des operierenden Arztes.)

Am Mittwochvormittag kam Angelika von der Intensivstation bereits auf den Bettentrakt war aber völlig fertig und meinte immer noch die OP stehe ihr noch bevor. Am Donnerstag lief das Denken wieder in geordneten Bahnen aber sie war noch sehr sehr müde.

Wir sind dankbar für alle, die uns im Gebet durch diese Zeiten getragen haben. Sehr viele Mails haben uns erreicht und uns Mut zugesprochen.

Ich saß gestern an ihrem Bett und habe meine Gedanken aufgeschrieben. Es sind Gedanken, die sich überschlagen. In Stichworten festgehalten.

Joachim Stöbis

ICH SCHAUE IN DEIN GESCHUNDENES GESICHT


Meine geliebte Angelika

Geplagt

geschunden

müde

trockene Lippen, die nach Wasser schreien.

Verwirrt

gequält

was hat man dir angetan?

Aber wir haben uns entschieden

zur Operation

Sie war sehr schwer für dich

auch für den Arzt

Stunden saß er

um dich von deinem Tumor zu befreien

ach mein Schatz

Schmerzen

Verzweiflung

Nicht verstehen was geschah

In dir schreit es nach Ruhe

nach Schlaf

Ich sitze an deinem Bett

Du schläfst

völlig fertig

was ist geschehen

Welcher Tag ist heute

Donnerstag

ach ja,

Donnerstag

du bist schon operiert

ach ja?

es kann wohl sein.

Schlafen

Dein Gesicht ist verquollen

Ein Auge geschlossen

Dein Mund halb geöffnet

Ich warte

bis du wacht wirst

Warte auf ein Wort von Dir

Mein Herz klopft

mein Blutdruck stimmt nicht

die letzen Tage

viel zu Hoch

Es wühlt in mir

ich – der Hilflose

der mitentschieden hat, das du operiert wirst

War die Entscheidung richtig?

Wie wird die Qualität deines Lebens in Zukunft sein?

Wird alles anders werden?

Viele beten für uns

Bringen dich und mich vor Gott

Das Gott die Hände der Ärzte lenkt

wenn sie operieren

Wie wird Gott entscheiden?

Wird er uns noch glückliche Jahre geben

Hier

im Lande des Vergänglichen

im Lande der Durchreise

oder erst im Himmel

Im Lande des Ewigen

Wo kein Leid,

kein Geschrei

und kein Elend mehr sein wird.

Auch kein Tod mehr

Nur noch Leben

ewiges Leben

Ich schaue in dein geschundenes Gesicht

Ach mein Schatz

was hat man dir angetan?

Was sind unsere Entscheidungen?

Sind sie richtig?

falsch?

Die wirklich wichtigen Entscheidungen betreffen immer die Ewigkeit

Wo werden wir sie verbringen?

Bei Gott?

oder

getrennt von ihm?

Die anderen Entscheidungen

mögen die Qualität des Lebens bestimmen

gut oder schlecht

sie mögen uns Jahre kosten

oder Jahre bringen

es ist unwesentlich

wenn wir vom Ziel her sehen

Das Ziel ist Gott

ich schaue in dein geschundenes Gesicht

Dein Kopfverband fest eingeschnürt

Deine Haut schon besser als gestern.

ich habe Zeit

warte bis du wach wirst

warte auf Worte

du bewegst dich

Ein Auge öffnet sich

„Wie lange bist du schon da?“

Eine Stunde oder mehr.

Danke das du Geduld hattest

Das nächste Mal kannst du mich wecken

ich wollte das du schläfst

Es war auch so schön bei dir zu sein.

zu Hause habe ich es nicht mehr ausgehalten

Ich musste zu dir.

Grüße habe ich mitgebracht von vielen

Und noch viel mehr E-Mails haben wir bekommen

Viele Beten für dich – uns

Es ist gut, reden zu können

Ihre Worte sind langsam – aber klar

keine Verwirrung wie gestern

Gestern war Klarheit und Verwirrung

Das zu sehen tat weh

ich schaue in dein geschundenes Gesicht

Es ist gut deine Worte zu hören

Sie geben mir Zuversicht

Zuversicht, das die Heilung voranschreitet

ich sehe -

Du wirst wieder müde.

Reden kostet Kraft

Schatz du kannst ruhig gehen,

sagt sie

ich bin so müde

ja sie ist sehr müde

ich bin es auch – müde

Es war schon so vieles im Leben

was müde gemacht hat

Ich lasse aber nicht Gott los

Gott hat mir die Kraft dazu gegeben

und ich bitte Gott mir die Kraft zu geben

ihn bis zum letzten Atemzug

festzuhalten

Ich weiß –

in Wahrheit ist er es, der mich hält

Dem Teufel zum Trotz

ich schaue in dein geschundenes Gesicht

ich sage auf wiedersehen

ein Kuss

ich blicke mich um

schaue noch einmal zurück

ach mein Schatz

ich muß weinen –

bin verzweifelt

dann sitze ich im Auto

es geht nach Hause

Kilometer um Kilometer verrinnen

der Tacho geht nicht richtig

irgendwas ist nicht in Ordnung

aber dann geht es wieder

Ach mein Schatz was hat man dir angetan

ich habe mitentschieden

Ja zur Operation

ja zu einem geschundenen Gesicht

Habe ich richtig entschieden?

Am Nachmittag rufst du an

ich kann es kaum glauben

Du hattest am Morgen nach dem Wochentag gefragt

„Was ist heute für ein Tag?“

Donnerstag

Ja und dann riefst du an.

Du wolltest doch den Leuten im Seniorenkreis Grüße bestellen

Und das tust du jetzt.

Genau sie treffen sich jetzt

Deine Gedanken sind klar

Deine Stimme langsam

Die Senioren freuen sich

Tränen fließen

Sie hatten gerade angefangen für dich zu beten

als ich hereinkam mit dem Handy

Sie singen dir ein Lied

durchs Handy

du hörst sie

Es macht dir Mut

Dann lege ich auf.

Es geht dir besser

Ach Herr, was ist der Mensch

das du seiner gedenkst

Ja Herr, was sind wir ohne dich

verlassen hilflos ausgeliefert

Nur durch sind wir was wir sind

geliebte Kinder.

Joachim Stöbis


Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn,

er wird’s wohlmachen

Psalm 37,5


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