Südafrika nach der Fußball-Weltmeisterschaft
21. August 2010: Für die Mehrheit der weißen Südafrikaner ist Normalität eingekehrt: Fußball bestimmt nicht mehr die Stimmung im Land. Heute ist endlich wieder Rugbytag. Die “Springboks”, das südafrikanische Rugbyteam, trifft auf die “Allblacks” aus Neuseeland. Der Tri-Nationscup wird ausgetragen. Ein alljährlicher Wettbewerb zwischen Australien, Neuseeland und Südafrika. Das sind die drei stärksten Teams der Welt. Der Sport scheint wieder fest in Händen der Weißen. Aber der Schein trügt.
Ich bin an diesem Tag in Soweto unterwegs. Christian Herbert, Finanzreferent der EBM, hat seinen Urlaub in Mosambik ein paar Tage früher beendet, um noch einen kleinen Stopp bei uns in Johannesburg einzulegen. Wie es sich gehört zeige ich ihm die historischen Orte in diesem riesigen Township, wo bis heute ausschließlich Schwarze wohnen. Wir kommen zu einem Parkplatz in der Nähe des Hauses, in dem Nelson Mandela gewohnt hat. Mir wird sofort klar, dass diese Tour selbst für mich ein besonderes Erlebnis wird, auch wenn ich sie bestimmt schon 30mal in den letzten vier Jahren gemacht habe.
Es wimmelt von Weißen! Sicher, schon immer hat man hier ein paar Touristen getroffen, auch mal einige Reisebusse, aber heute ist alles anders. Diese Weißen sind keine Touristen. Das sind Südafrikaner. Man kann es an ihrem Akzent hören und jeder Zweite hat ein Rugbytrikot an. Ich kann es kaum glauben: Bisher habe ich von weißen Südafrikanern über Soweto nur gehört, dass sie noch nie dort gewesen sind. Heute, an diesem 21. August, sehe ich Hunderte von ihnen. Manche sind mit Tour-Anbietern hier, aber einige haben sich scheinbar auch auf eigene Faust ins Township getraut. Ich treffe eine Gruppe von Angestellten einer Firma, die ihren Geschäftssitz in Südafrika aufgibt: sie feiern Abschied. In Soweto. Dort, wo Schüler 1976 den Aufstand gegen das Apartheidsregime geführt haben.
Hier geht es nicht nur darum, dass Weiße endlich einmal einen Fuß nach Soweto setzen. Es geht um viel mehr: Weiße Südafrikaner setzen sich mit der eigenen Geschichte auseinander und besuchen die Orte, wo bis Anfang der 90er Jahre noch Gewalt und Diskriminierung gegen die schwarze Bevölkerungsmehrheit ausgeübt wurde. Sie schauen auf das Bild des Leichnams von Hector Pieterson, dem 13-jährigen Schüler, der am 16.Juni 1976 bei einer Demonstration gegen die Einführung von Afrikaans als U
nterrichtssprache von Polizistn erschossen wurde. Hier findet Konfrontation mit der Geschichte statt und ich ahne, dass wir alle kaum einschätzen können, welche Bedeutung solche Tage wie dieser 21. August 2010 für Südafrika haben.
Eine Stunde später fahren wir raus aus Soweto. Durch Orlando East, weil hier das College der Baptist Convention
of South Africa ist. Gegenüber befindet sich das Orlando Stadium. Für 2010 wurde es zu einem Trainingsstadion umgebaut. Christian macht ein paar Fotos und mir wird klar, dass sich meine Geschichten, die ich über diesen Ort zu erzählen habe, völlig verändern werden: Beim Eröffnungskonzert für die WM haben hier Völker und Rassen gemeinsam gefeiert. Als ich in Deutschland vor dem Fernseher diesen Abend miterlebt habe, war ich gerührt. Die WM hat die Menschen zusammengebracht, mitten im Township. Wer hätte das zu denken gewagt. Vor ein paar Wochen war auch dieses Stadion ausverkauft: Das Finale der Rugby Super 14 Liga zwischen den Sharks und den Blue Bulls fand in diesem Stadion statt, weil alle anderen großen Stadien durch die WM besetzt waren. In der Super 14 Liga spielen 14 Teams aus Südafrika, Neuseeland und Australien um den wichtigsten Vereinspokal des Rugbysports. Alle kamen sie nach Soweto um ihr Finale hier zu spielen. Auch daran war vor der WM nicht zu denken.
Wir fahren weiter nach Soccer City. Direkt am Eingang von Soweto. Es ist mittlerweile fast 13.00 Uhr. Die Menschen strömen nun zum Rugbyländerspiel. In Soccer City hat noch nie ein großes Rugbyspiel stattgefunden, weil es eben fast schon in Soweto ist. Nach der WM ist auch dieses Spiel ausverkauft. Über 94.000 Menschen werden das Spiel gemeinsam erleben. Viele von ihnen haben ihre Tickets in Dube, im Herzen von Soweto gekauft, weil sie hier einen Bruchteil des normalen Preises gekostet haben. Für ein günstiges Ticket traut sich sogar jeder Weiße nach Soweto. Und sicher werden auch viele Schwarze Rugbybegeisterte werden, weil die Preise für die Tickets erschwinglicher werden.
Natürlich beenden diese subjektiven Eindrücke nicht die Diskussion um die Nutzung der vielen tollen Stadien. Hier bleiben eine Menge Fragezeichen. Es scheint auch irrelevant, sich mit solchen Banalitäten zu beschäftigen, wo die Frage der wirtschaftlichen Folgen doch viel drängender ist. Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler. Und ich glaube, dass diese Begebenheiten große Bedeutung haben, auch wenn sie nicht messbar sind – und sich schon gar nicht in Bilanzen oder Wirtschaftswachstum ausdrücken lassen. Vielleicht ist das ja in einem Land, das so zerrissen ist wie Südafrika, nicht die oberste Priorität. Aufeinander zugehen, Vertrauen riskieren und eine Auseinandersetzung mit der dunklen Vergangenheit – diese Dinge sind von zentraler Bedeutung. Und Sport spielt hier eine große Rolle.
An dieser Stelle schlummert in Südafrika großes Potenzial. Dafür muss allerdings der Breitensport viel mehr gefördert werden. Vielleicht hätte an dieser Stelle auch von Verbandsseite vor, während und jetzt nach der WM mehr getan werden können. Hier konzentriert sich Sport von Kinder und Jugendlichen auf die Schulen oder auf teure Privateinrichtungen. Vieles ist dort sehr leistungsorientiert und nicht für alle Kinder zugänglich. Ärmere Schichten sind benachteiligt und in Townships gibt es kaum organisierte und qualifizierte Sportangebote.
Es wäre toll, wenn in Soweto und in allen anderen Gegenden Südafrikas Jugendmannschaften entstehen, die von qualifizierten Übungsleitern trainiert werden, wo Kinder sich Ausprobieren können, Selbstbewusstsein entdecken und Sozialkompetenz lernen. EBM international ist
hier schon aktiv. Alex Strecker, Missionar der EBM in Pretoria, bietet jeden Freitag ein Fußballtraining in Mamelodi an. Weit über 100 Jungen und Mädchen kommen Woche für Woche zusammen, um miteinander zu trainieren. Vielleicht kann hier noch eine Menge Unterstützung nach Afrika gelangen.
Selbst wenn Stadien leer bleiben, der Tourismus nicht weiter aufblüht und das Wirtschaftswachstum stagniert, hat sich diese WM mehr als gelohnt. Menschen egal welcher Hautfarbe sind sich als Schwestern und Brüder begegnet. Sie haben ein gemeinsames WIR-Gefühl entwickelt und sie sind stolz auf sich selbst, auf ihr Land und auf das, was sie gemeinsam erlebt haben. Ich bin mir sicher, dass diese Generation das nicht vergisst und viele Menschen ihr Leben lang anders aufeinander zugehen werden.
Matthias Dichristin, Florida (Südafrika)
Verfasst von Joachim Stöbis 