KINDERGARTEN gehen, mochte ich nicht!

joachim06Kindheit in Reckenfeld

Eines Tages war ich alt genug und sollte in den Kindergarten. Weil es keinen evangelischen Kindergarten gab, sollte ich zu den katholischen Nonnen nach “Marienfried”. Als ich diese Nachricht hörte,  habe ich erst mal Rotz und Wasser geheult. Ich sah das überhaupt nicht ein, von der Mama wegzukommen. Es wurde mir zwar erklärt warum, aber das sah ich nicht ein. Der Grund war wohl unser Textilgeschäft, welches meine Mutter hauptsächlich führte. Sie hatte zu wenig Zeit für mich. Aber ich wollte ihr eh nicht zur Last fallen, Hauptsache ich blieb zu Hause. Aber es gab kein Pardon.

Der Weg zum Kindergarten war weit. Von dem Ortsteil D, Amselstraße 3 (heute Adlerstraße 3) wo wir wohnten, bis nach B in die Nordwalder Straße waren es zirka 2 km. Für mich ein endlos weiter Weg und eine endlos lange Zeit, die ich von meiner Mutter getrennt war. Meine Mutter brachte mich morgens mit dem Fahrrad dorthin und holte mich am Nachmittag gegen 4 Uhr wieder ab.

Das Schlimmste im Kindergarten war der Mittagsschlaf. Vom Mittagsschlaf hielt ich überhaupt nichts. Da wurden die, an den Seitenwänden aufgestapelten, Kinderbetten im Raum aufgestellt und dann sollte ich auf Kommando schlafen können. Alle schliefen und ich war wach. Wach sein, ruhig im Bett liegen und nicht spielen können, war für mich eine tägliche Plage.

haus_marienfried_-50ger_jahreDas Mittagessen war auch so eine Sache. Ich war sowieso ein heikler Esser. Sehr genau habe ich das Essen, auf Essbares untersucht. Das hat dann immer länger gedauert, bis ich das Essbare vom nicht Essbaren getrennt hatte. Eines Tages gab es Kohlrabi. Bei Kohlrabi brauchte ich nicht zu sortieren. Kohlrabi mochte ich überhaupt nicht. Eine Nonne sah das aber anders. Sie setzte sich zu mir. Die andern Kinder hatten sich alle schon hingelegt und schliefen. Ich saß vor meinen inzwischen eiskalten Kohlrabis und würgte eines nach dem anderen hinunter. Ab und zu würgte ich auch hinauf. Die Nonne hatte sehr viel Geduld mit mir. Oder sie bewies in ihrer Ungeduld sehr viel Geduld. Auf jeden Fall war ich erst fertig mit den Kohlrabis, bis der Teller wirklich ganz leer war. Dann durfte ich mich auch noch hinlegen. Aber diesmal brauchte ich mich nur noch kurz hinlegen, denn die ganze Mittagspause hatte ich mich mit Kohlrabi essen rumgeschlagen.

Wie schon erzählt wurde ich jeden Nachmittag von meiner Mutter wieder mit dem Fahrrad abgeholt.  Ein Auto hatten damals die Wenigsten. Eines Tages wurde ich nicht abgeholt oder mir schien es nur, weil früher aus war. Also machte ich mich auf den Weg meiner Mutter entgegen. Und dann sah ich auch schon meine Mutter, wie sie an mir vorbeifuhr. Ich schrie laut; “Mama, Mama, Mama!” aber sie hörte mich nicht. Verzweifelt fing ich an zu rennen, hinter meiner Mutter her, aber sie fuhr mir davon. Sie hatte mein Schreien nicht gehört. Meine Mutter war Richtung Bahnhofstraße gefahren, wo meine Großeltern wohnten. Ich lief also zur Bahnhofstraße. Aber meine Mutter war nicht dort. Aber jetzt war ich wenigstens bei den Großeltern. Der Großvater machte sich auf den Weg um meine Mutter zu suchen, die mich in der Zwischenzeit verzweifelt gesucht hatte. Bei meiner Großmutter habe ich mich erst einmal  ordenltlich ausgeheult, denn ich konnte nicht verstehen, das meine Mutter mich so im Stoch gelassen hatte. Es hat lange gedauert, bis ich mich beruhigt hatte. Warum war mir meine Mutter einfach davongefahren. Endlich kam sie zur Tür hinein. Sie war glücklich, mich gefunden zu haben. Sie erzählte, daß sie mich wie gewohnt, beim Kindergarten abgeholt hatte, aber ich sei nicht mehr da gewesen. So langsam begriff ich, daß die Frau hinter der ich hergelaufen war, gar nicht meine Mutter gewesen war.

Irgendwann sahen dann meine Eltern ein, daß das mit dem Kindergarten nicht das Richtige für mich war. Ich durfte wieder zu Hause bleiben. Wie froh war ich darüber, aber dann hieß es:

“Es gibt jetzt einen neuen evangelischen Kindergarten ganz in unserer Nähe, da gehst du jetzt hin.”  Wieder ging das Theater von vorne los. Kindergarten gehen hat mir überhaupt nicht gefallen. Wir hatten ja schließlich einen großen Garten und da gab es viel Platz zum spielen, wozu dann in den Kindergarten gehen?

Joachim Stöbis

Eine Antwort zu KINDERGARTEN gehen, mochte ich nicht!

  1. seelenbalsam sagt:

    Früher war der KIndergarten noch nicht das Wahre, aber es hat sich gewandelt, das sage ich, Erzieherin in einer Kinderkrippe. Liebe grüße, Seelenbalsam, bei der du den Kohlrabi nicht hättest essen müsssen….und der Mittagschlaf wäre für dich ein HIneingleiten gewesen in eine besondere Traumwelt….

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