Christian Stöbis
Lange warteten wir auf ein Kind. Eines Tages kam Angelika nach einem Arztbesuch, freudestrahlend zu mir: „Ich bin schwanger!“ Wir hatten bereits vor Gott ein “Ja“ dazu gefunden, keine Kinder zu bekommen. Nun war es doch anders gekommen. Unsere Freude war groß. Es war spannend für uns, die Schwangerschaft zu erleben. Spannend war es auch, einen Namen auszusuchen. Endlich war es dann soweit. Die Wehen kamen.
Damals war es in Österreich noch nicht so, dass man als Ehemann so ohne weiteres bei der Geburt seines Kindes dabei sein durfte. Ich wollte aber gern dabei sein. So entschieden wir uns für ein Entbindungsheim, das in dem kleinen Ort Eberstalzell im Bezirk Wels von einer Hebamme geführt wurde.
Christian wurde am 16. Dezember 1977 geboren.
Auf den Tag genau waren wir drei Jahre in Österreich. Der Gesetzgeber hatte ein Gesetz erlassen, nach dem auch Ausländer Anspruch auf Geburtenbeihilfe haben, wenn sie wenigstens drei Jahre im Lande sind. Das traf bei uns nun genau (auf den Tag) zu.
Nun waren wir stolze Eltern. Unser Sohn sah prächtig aus. Nur sein Appetit bereitete Probleme, aber das würde sich schon geben. Wenige Tage später durfte Angelika mit ihm nach Hause und wir waren so dankbar, jetzt als Familie Weihnachten feiern zu können. Mit Christian hatten wir sogar unser eigenes „Weihnachts Christkind“.
Irgendetwas stimmt nicht
Doch irgendetwas schien mit Christian nicht zu stimmen. Die Appetitlosigkeit blieb. Anstatt zuzunehmen, nahm er an Gewicht ab. Dann wurde seine Haut gelb. „Na, ja, das haben Säuglinge manchmal. Die Leber muss erst richtig anfangen zu arbeiten!“ Doch nach Weihnachten gingen wir zum Arzt. Das Problem musste ein größeres sein. Denn eigenartigerweise war sein Stuhl auch ganz weiß. Es fehlte der Gallenfarbstoff darin.
Der Arzt überwies uns ins Krankenhaus nach Vöcklabruck. Hier lag Christian sechs Wochen. Die Ärzte probierten herum und erklärten uns, dass sie nicht wüssten, was die Ursache dieser Probleme war. Sie meinten, die Leber funktioniere nicht richtig. Es könnte eine Gallengangsatresie sein. Das bedeutet, dass es von der Leber aus keine Gallenwege zum Darm gibt. Das würde auch den weißen Stuhl erklären. . Die Ärzte selber schienen aber so hilflos, dass sie uns den Ratschlag gaben, in eine deutsche Klink zu gehen. Da wir aber in Österreich wohnten, half uns das nicht weiter.
Als nach einigen Wochen in diesem Krankenhaus nichts weiter passiert war, machten wir uns selber auf die Suche.
Mit der Information, die wir bis dahin von den Ärzten bekommen hatten, wandten wir uns an einen gläubigen Arzt in Kirchdorf an der Krems. Dieser wurde sehr schnell aktiv. Er sagte uns, dass es zwei Möglichkeiten in Österreich gäbe. Eine in Wien und eine in Graz. Beim Anruf in Wien wurde uns erst mal der Vorwurf gemacht, dass wir mit dieser Diagnose erst jetzt anriefen. Es hieß, unser Kind hätte bereits eine Leberzirrhose, denn wenn man bei dieser Diagnose nicht sofort operiert, dann ist eine Zirrhose unausweichlich.
Wertvolle Zeit war also im Vöcklabrucker Krankenhaus verstrichen.
Wir waren von der barschen Abfuhr des Wiener Arztes nicht sehr ermutigt. Also wandten wir uns an das Grazer Spital. Hier war es völlig anders. “Bitte kommen sie mit dem Kind hierher.” Der Arzt kannte sich fachlich gut aus und seine freundliche Art ermutigte uns, unser Kind nach Graz zu bringen.
Der äußerliche Kampf
Wir erklärten also den Vöcklabrucker Ärzten, dass wir unser Kind nach Graz ins Spital verlegen würden. Es war Ende Januar 1978. Ein kalter Wintertag. Der Transport mit der Rettung war eine Katastrophe, Angelika saß mit Christian alleine im hinteren, nicht beheizten Teil des VW Busses und war vom Fahrer und der Begleitperson, die auch vorne saß, durch eine Scheibe getrennt. So hatte sie nicht einmal jemand zum reden, während sie – selber frierend – Christian fest an sich drückte, um ihn wärmen zu können. Irgendwie sind die 200 km nach Graz dann doch vergangen und Christian blieb am Leben. In Graz kam er endlich in fachlich kompetente Hände.
In dieser Zeit beteten wir viel. Wir beteten, dass Gott hilft. Wir hatten uns so sehr auf unser ein Kind gefreut. Jetzt hatten wir zwar ein Kind und hatten es doch nicht.
Mit Christian begann für uns eine Lebensschule, die sehr hart war. Am Anfang einer solchen Zeit weiß man nicht, wohin sie läuft. Wir waren einer Situation ausgeliefert, deren Ausgang wir nicht wussten. Einfach alles war uns aus der Hand genommen. Hilflos standen wir daneben und mussten das Liebste, das Gott uns gegeben hatte, in die Hände anderer legen. Wie würde alles enden?
Fragen an Gott
„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Dein Stecken und Stab trösten mich.“ So heißt es im 23. Psalm.
Stecken und Stab – wie können die im Tal der Todesschatten trösten?
Einen Stab kannte ich vom Wandern. Manche Wanderer verwendeten einen Stock. Dieser hatte meistens eine Eisenspitze, die beim Gehen hörbar auf die Felsen schlug. Daran konnte ich erkennen, dass die betreffenden Kameraden noch in unserer Gruppe waren. Gott gab uns in der Zeit auch Zeichen, dass er mit ging.
Als wir Christian nach einigen Tagen das erste Mal in Graz besuchen durften, hatte ihn gerade eine Schwester im Arm und gab ihm die Flasche. Ich schaute die Schwester an und sagte: „Sie, kenne ich doch!“ Sie war die Tochter von Magnes. Ich hatte schon einmal in ihrer Gemeinde gepredigt. Sie war gerade erst auf diese Station gekommen, denn normaler Weise arbeitete sie nicht hier. Für uns war diese Frau wie ein Engel. Gott hatte sie in diesem Augenblick uns zum Trost zu unserem Kind geschickt. Gott tröstet, wenn wir ganz unten im Tal sind.
Dr. E. bestätigte die Diagnose des Vöcklabrucker Krankenhauses. Es bestand eine Gallengangsatresie. Nun stellte sich die Frage, ob innerhalb der Leber die Gallengänge vorhanden waren. Wenn ja, wäre eine OP sinnvoll, wenn nicht, dann wäre es schwierig. Nach einer japanischen Operationsmethode würde an der Leber unseres Kindes ein Stück seines eigenen Darmes angenäht und dann zum Darm weitergeleitet.
Hoffnungsvoll und gleichzeitig ängstlich fieberten wir dem Operationstermin entgegen. Sie fand am 16. März 1978 statt. An diesem Tag stand in der Losung: „Was ich jetzt tue, weißt du nicht. Du wirst es aber hernach erfahren!“ Dieser Vers wurde besonders Angelika zum Trost.
Nach der Op. rief ich im Krankenhaus an und der Arzt teilte uns erleichtert mit, dass die Operation gut verlaufen war. Ob innerhalb der Leber Gallengänge vorhanden waren, konnte er allerdings nicht sagen.
Christian kam erst einmal auf die Intensivstation, wo er gut versorgt war. Die Op war für den Arzt äußerst schwierig gewesen, weil unser Kind noch so klein war. und bei einem Säugling kaum Platz zum Arbeiten bleibt.
In den Tagen danach war die bange Frage: “Würde der Stuhl von Christian nun dunkel werden?“ Um es gleich vorwegzunehmen: Er wurde nicht dunkel, denn in der Leber waren keine Gallengänge angelegt. Zunächst warteten wir noch hoffnungsvoll. Vielleicht würde sich ja noch etwas verbessern. Aber es verbesserte sich nicht.
Christian blieb vier Wochen im Krankenhaus und wurde kurz vor Ostern entlassen. Wir freuten uns sehr, Christian wieder bei uns zu haben, aber wenn Gott kein Wunder tat, würde die Leberzierrose fortschreiten, was seinen Tot bedeuten würde.
Unser Glück währte nicht lange. Nach knapp einer Woche fing er schrecklich zu schreien an. Er musste wahnsinnige Schmerzen haben! Aber was war die Ursache?
Hilflos standen wir daneben und konnten nur noch beten. Wieder ging es die 200 km nach Graz ins Krankenhaus, um zu erfahren, was geschehen war. Es stellte sich heraus, dass Christian einen Darmverschluss hatte und sofort operiert werden musste. Die Operation erwies sich als schwieriger, als die vorherige. Um Stabilität in seinen Bauchraum zu bekommen, hatten die Ärzte eine Schiene quer durch den Bauchraum gelegt. Dazu bekam er zwei künstliche Darmausgänge, behielt aber auch seinen natürlichen Ausgang.
„Wie geht es jetzt weiter?“, war unsere Frage an die Ärzte. Diese antworteten, dass sie das auch nicht wüssten, sie seien erst einmal froh, dass das Christian überhaupt noch lebte.
Erst da erkannten wir, wie dramatisch diese Operation gewesen war. Christian lag nun wieder auf der Intensivstation, wo wir ihn besuchen konnten.
Wir verstanden das Ganze nicht. Gott schien weit weg zu sein. Warum musste unser Kind so viel leiden? Warum wird ein Mensch zum Sterben geboren? Es schien uns alles so sinnlos. Die Schläuche und Kabel an seinem Körper, das Piepen der Instrumente, die seinen Pulsschlag anzeigten, verwirrten uns. Wie konnten wir unserem Kind wirklich Vater und Mutter sein?
Man sagt doch, dass ein Kind gerade in den ersten Jahren der Entwicklung die Geborgenheit der Eltern braucht! Wie konnten wir ihm diese Geborgenheit geben
Wir konnten Christian immer nur wieder bei Gott abgeben: “Herr, sei du ihm Vater und Mutter. Tröste du ihn, wenn er Trost braucht. Gib du ihm das, was wir ihm nicht geben können und er doch so nötig braucht.“
Christian lebte weiter und konnte Stück für Stück von Kabeln und Schläuchen befreit werden. Aber welches Kind nahmen wir mit nach Hause? Zwei künstliche Darmausgänge sowie seinen natürlichen Ausgang musste – in den meisten Fällen – Angelika sauber halten. Oft stand sie mit Tränen am Wickeltisch und sagte: „Ich kann bald nicht mehr. Ich kann das Elend unseres Kindes bald nicht mehr mit ansehen.“ War Gott so hart, das er auf unsere Gebete nicht hörte? Liebe ist doch Zuwendung. Wo war die Zuwendung Gottes?
Dann mussten wir mit Christian wieder ins Krankenhaus. Die Schiene wurde wieder entfernt und die künstlichen Ausgänge wurden zurück operiert. Wieder waren wir von Christian getrennt. Endlich durfte er am 1. Juli 1978 nach Hause. Ein halbes Jahr hatte es gedauert und wir wussten nicht, was weiter geschehen würde. Wir konnten unser Kind nur bei Gott loslassen und im Heute leben. Bis zum 31. Juli 1979 war Christian noch bei uns.
Der innere Kampf
Nach langem Warten hatte Gott unsere Bitten erhört und uns ein Kind geschenkt. Wollte er es uns wieder weg nehmen?. Konnte das Sein Wille sein? Oder lag es an unserem Glauben? Mangelte es uns an Glauben? Das dachten wir zuerst nicht. Aber hatten wir so großen Glauben, dass Gott unser Kind gesund machen würde? Gott würde unser Kind vielleicht nur dann heilen, wenn wir richtig glauben würden. Zu glauben, dass Jesus heilen kann, war für uns überhaupt kein Problem, aber zu wissen, ob er es tun würde, war eine andere Sache.
Wenn man das erste Mal so eine Situation erlebt, kämpft man um die Erhörung seiner Gebete. Da glaubt man, durch einen großen Glauben kann man Gott ermöglichen, dass er handelt. Wir waren ziemlich durcheinander. Lag es wirklich an uns allein? Lag es an unserem richtigen Glauben? Die Lage, in der wir uns befanden, engte unser Denken auf das momentane Geschehen ein. Wir waren mit einer Situation konfrontiert, die uns völlig in ihren Bann zog. Wir suchten nach Antworten. Wir rangen danach, was wir tun konnten. Im Wort Gottes stehen doch klare Anweisungen, was wir tun sollten:
Matthäus 7,7-11: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wer ist unter euch Menschen, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete? oder, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete? Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!“
Also war “bitten” dran. Denn: Bittet, so wird euch gegeben, das war und ist eine feste Zusage Gottes. Auf sein Wort dürfen wir uns hundertprozentig verlassen kann. Wir beteten und beteten. Es lag an Gott unser Gebet zu erhören. Wenn wir also von Herzen bitten, würde Gott unser Kind gesund machen, ermutigten wir uns.
Aber Gott schwieg. War Gott auf Urlaub? Kann er nur leichte Fälle heilen? Lag es außerhalb seiner Möglichkeiten, eine nicht ausgebildete Leber zu erneuern. Diese (verrückten) Gedanken plagten uns. Wir wussten, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist, aber war dieses Wissen für uns jetzt eine Hilfe oder eher ein Problem? Auf der einen Seite war es eine Hilfe zu wissen, es lag in Gottes Möglichkeiten zu heilen. Auf der anderen Seite war es ein Problem, denn, wenn Gott alle Möglichkeiten zur Heilung hatte, warum heilte er dann nicht? Lag es doch an uns, lag es an mir, an meinem Glauben? War Sünde im Weg? Ja, Sünde begleitet uns immer. Wir waren überfordert und schwach, immer wieder gereizt. “O Herr vergib!”, war unser Gebet. Reinige uns von unserer Sünde, damit du erhören kannst. Heile unser Kind!
Mit viel Anstrengung versuchten wir, Gott in den Griff zu kriegen, damit er handeln würde. Aber stehen wir dabei nicht in der Gefahr zu einem christlichen Magier zu werden? Wir glauben, etwas tun zu müssen oder zu können, damit Gott seine Versprechen hält.
Irgendwann ließ das Kämpfen nach. Aber deswegen gaben wir unser Hoffen nicht auf. Die Frage nach dem “Warum” war unser ständiger Begleiter. Wer ein “Wozu” hat, erträgt fast jedes “Wie”, heißt es. Wozu also sollte das alles mit Christian gut sein?
Wir vertrauten einem Gott, der in seinem Wort Versprechungen schenkt, aber wir erleben, dass er seine Versprechungen nicht einhielt. Was sollte das alles bedeuten?
Es war ein Kampf zwischen Hoffen und Kämpfen sowie Verzagen und Verzweifeln.
Und Gott schwieg.
Wenn wir aber Gott nicht hören, heißt das nicht, dass er nicht redet. Wir wussten, Gott hatte alle Hilfsmöglichkeiten, ja er fordert uns sogar auf, seine Möglichkeiten zu gebrauchen: “Macht Kranke gesund!”, fordert er uns auf. In Matthäus 10,8 lesen wir: „Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.“ So schickt Jesus seine Jünger los. Galt das Wort nur für die Jünger damals und für uns Jünger heute nicht mehr? Das wollten wir nicht so glauben.
In Jakobus Kap. 5,14 + 15 steht: „ Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.“
Wir baten einige Freunde für Christian zu beten, so wie es in Jakobus steht, aber es geschah keine Heilung, so wie wir es erhofft hätten.
Nach seinen Krankenhausaufenthalten hatten wir Christian noch ein ganzes Jahr bei uns. Ja wir fuhren sogar mit ihm auf Urlaub nach Korsika. Er war trotz allem ein fröhlicher, kleiner Kerl. Zwar lernte er nie krabbeln, denn dazu war er zu schwach, aber einen Steckturm aufbauen und ineinander stecken war kein Problem für ihn. Wenn er Musik hörte, dirigierte er im richtigen Takt dazu. Bestimmte Melodien mochte er besonders gern. Wir waren dankbar für jeden Tag dieses Jahres. Aber, war das letzte Wort Gottes über Christians Leben, dass schließlich doch alles zu Ende ging, wenn sein kleiner Körper nicht mehr konnte?
Hiob: Verbündeter und Freund!
Ich las das Buch Hiob. Unsere Situation war natürlich nicht zu vergleichen mit der des Hiob. Hiob hatte an einem Tag zehn Kinder verloren sowie seinen ganzen Besitz, seine Mitarbeiter – einfach alles. Zehn Kinder, an einem Tag, da kommen mir die Tränen, wenn ich das höre. Wer kann das aushalten? Wie kann man das aushalten?
Wir hatten bis jetzt noch nichts verloren. Aber die Zeit des Wartens auf das Eingreifen Gottes, wie Hiob sie erlebte, war doch ähnlich mit unserer Situation. Was konnte uns Hiob sagen? Eines wurde uns wichtig, dass Hiob an Gott festhielt, auch wenn er das „Warum” nicht: verstand. Er sagte: (Hiob 19, 25) „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben.“
Wir wussten, dass unser Erlöser lebt und dass er auch in der “Sache Christian” das letzte Wort haben würde.
Im Buch Hiob ließen mich die Reden des Elihu aufhorchen. Elihu bedeutet: ER IST GOTT. Sein Name weist bereits auf Gott hin. Was sagt Elihu?
Hiob 34,12 „Ohne Zweifel, Gott tut niemals Unrecht, und der Allmächtige beugt das Recht nicht.“ Diese Aussage wurde für mich zu einem Felsen, an den ich mich klammern konnte.
Gott tat also kein Unrecht, wenn er die Sache mit unserem Kind zugelassen hatte. Gott tat auch kein Unrecht, wenn er unser Kind nicht gesund machte. Gott tat auch kein Unrecht, wenn er schwieg. Wenn es kein Unrecht war, dann war es auch kein Missgeschick Gottes, dass das mit unserem Kind passiert war. Es war auf eigenartige Weise in Ordnung bei Gott, so wie es jetzt war. Das war schwer zu verstehen. Wie kann es in Ordnung sein, wenn ein Kleines Kind so leiden musste? Wenn Gott etwas zulässt, trägt er dann nicht auch die Verantwortung dafür?
“Ohne Zweifel, Gott tut niemals Unrecht!” Diese Aussage gilt immer. Sie ist völlig unabhängig davon, wie es uns momentan geht, wie wir uns fühlen, oder was wir tun.
Ein paar Beispiele:
Wir liegen am Strand in der Sonne und genießen den Urlaub – Es stimmt, Gott tut niemals Unrecht. Wir stehen hilflos am Krankenbett unseres todkranken Kindes – Es stimmt, Gott tut niemals Unrecht. Wir mögen mitten in der Chemotherapie stecken – Es stimmt, Gott tut niemals Unrecht. Wir mögen in Sünde gefallen sein – Es stimmt, Gott tut niemals Unrecht. Wir mögen um des Glaubens willen im Gefängnis sitzen – Es stimmt, Gott tut niemals Unrecht.
Und wenn Gott zu allem schweigt? – Auch dann tut er nicht Unrecht.
Solange wir in der Sonne liegen und den Urlaub genießen, fällt es uns leicht, an die Güte Gottes zu glauben, wie es in Psalm 86,15 steht: „Du aber, Herr, Gott, bist barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue.“ Diese Wesenszüge Gottes verändern sich nicht. Sie gelten immer. Im Urlaub, mitten in der Krankheit, in der Not, sie galten, als Hiob am Tiefpunkt seines Leides angelangt war, und sie galten auch, als es uns in dieser Lage sehr schlecht ging!
Hiob hatte Gott Vorwürfe gemacht: „Sein Zorn ist über mich entbrannt, und er achtet mich seinen Feinden gleich.“ (Hiob 19,11)
Hatte Gott uns nicht auch wie Feinde behandelt, wenn er so mit dem umging, was unser Liebstes war? Warum ging Gott so unbarmherzig mit seinen Freunden um? Wir sahen uns doch als seine Freunde. Halt: “Gott tut niemals Unrecht.”
Aber Elihu war mit seiner Rede noch nicht zu Ende. Er ging sogar sehr “unsanft” mit Hiob um, denn dieser saß immer noch in der Asche, voller Geschwüre die ihn plagten. Elihu sagte:
„Du hast geredet vor meinen Ohren, den Ton deiner Reden höre ich noch: »Ich bin rein, ohne Missetat, unschuldig und habe keine Sünde. Siehe, Gott erfindet Vorwürfe wider mich, er betrachtet mich als seinen Feind; er hat meine Füße in den Block gelegt und hat acht auf alle meine Wege.“ (Hiob 33,8 – 12)
Siehe, darin hast du nicht recht, muss ich dir antworten; denn Gott ist mehr als ein Mensch.“
Gott ist mehr als ein Mensch.
Es ging also in der Sache in dem Schmerz wegen unseres Kindes um etwas, das ich nicht begreifen konnte, egal wie ich mich auch anstrengen mochte. Gott aber kannte sich aus. Er hat immer den überblick. In Jesaja 55,8 + 9 heißt es ja auch: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“
Vor Gott gab unsere Situation einen Sinn. Dass unser Kind und auch wir litten, war nicht sinnlos. Auch wenn es für uns nicht zu verstehen war, half es uns doch, zu wissen, dass dies alles nicht sinnlos war vor Gott.
Hiob ist als Mensch – mit menschlichen Argumentationen an Gott herangegangen. Er hat Gottes Handeln mit menschlichen Maßstäben gemessen. Aber muss es da nicht zu einem Konflikt kommen, denn himmelweit ist der Unterschied menschlicher und göttlicher Gedanken. Gott verurteilt uns nicht wegen unserer Fragen. Gott hält unsere Fragen aus. Er versteht uns, auch unser Ringen um eine Antwort. Unser Ringen nach einer Antwort kann uns zu seiner Antwort führen!
Ich entdeckte, dass es da gar nicht nur mehr um die Krankheit unseres Kindes ging. Es ging immer mehr um mich und meine Beziehung zu Gott. Gott wollte mit mir reden. Er wollte mich mehr über sich lehren.
Ich las weiter in den Reden des Elihu:
(Hiob 34,24 -29) „Er bringt die Stolzen um, ohne sie erst zu verhören, und stellt andere an ihre Stelle; denn er kennt ihre Werke, und er stürzt sie des Nachts, dass sie zerschlagen werden. Er urteilt sie ab wie die Gottlosen an einem Ort, wo viele es sehen, weil sie von ihm gewichen sind und verstanden keinen seiner Wege, so dass das Schreien der Armen vor ihn kommen musste und er das Schreien der Elenden hörte.- Wenn er sich aber ruhig hält, wer will ihn verdammen? Und wenn er das Antlitz verbirgt, wer kann ihn schauen unter allen Völkern und Leuten?“
Wenn er sich aber ruhig hält, wer will ihn verdammen?
Gott kann direkt eingreifen. Er kann die Stolzen von ihrem hohen Thron herunter holen.
So hätte er auch bei uns direkt eingreifen können. Er hätte auf unsere Gebete hören können. Aber wenn er sich ruhig hält, habe ich nicht das Recht ihn zu verdammen. Wenn er sich ruhig hält, dann hat er seine Gründe. Er tut also nichts Unrechtes oder macht grundlos etwas, sondern sein “nichts tun” hat einen Sinn.
Elohim
Aber in mir wühlte es. Ich kam mir vor wie ein Spielball. Gott machte es mir nicht leicht.
Würden wir Gott nicht am liebsten manchmal vorschreiben, wie er sich zu verhalten hat?
Aber wenn wir ihn nicht handeln sehen, heißt das nicht, dass er nichts tut. Wenn wir ihn nicht spüren, heißt das nicht, dass er nicht da ist. Elohim ist einer der Namen Gottes. Der Name Elohim bedeutet auch: “Der unsichtbar wirkende Gott!” Gott wirkt auf eine Weise, die sich unserem menschlichen Erfassungsvermögen entzieht. Den Sinn des für uns Sinnlosen erfassen wir oft erst viel später.
Wenn Gott sich still verhält, wenn wir dringend sein Eingreifen erhoffen, dann stehen wir in der Gefahr, ihm Vorwürfe zu machen. So hatte ich manchmal das Gefühl, dass uns bei unserem Kind die Zeit davonläuft. “Was ist wenn wir zu spät richtig glauben?” Ich schreibe hier bewusst auch meine “verrückten “Gedanken, die sich manchmal überschlugen.
Aber Gott ist in seinem Schweigen gerecht. Ihm läuft nie die Zeit davon. Was er will, geschieht immer zur rechten Zeit. Wollte Gott es bei uns auf die Spitze treiben? Würde er im letzten Moment kommen wie bei der Opferung Isaaks? Wollte er unseren Glauben prüfen?
Eliuhs Worte ließen mich nicht los. Er war ja nicht einer der Freunde, die Hiob auf falsche Gedanken gebracht hatten, so dass er Gott für schuldig erklärte und sich selbst für unschuldig. Elihus Reden führten direkt zur Rede Gottes an Hiob. Was sagt Elihu?
Hiob 35,9-14 „Man schreit, dass viel Gewalt geschieht, und ruft um Hilfe vor dem Arm der Großen; aber man fragt nicht: »Wo ist Gott, mein Schöpfer, der Lobgesänge gibt in der Nacht, der uns klüger macht als die Tiere auf Erden und weiser als die Vögel unter dem Himmel?« Da schreien sie über den Hochmut der Bösen, doch er erhört sie nicht. Denn Gott wird Nichtiges nicht erhören, und der Allmächtige wird es nicht ansehen. Nun gar, wenn du sprichst, du könntest ihn nicht sehen – der Rechtsstreit liegt ihm vor, harre nur seiner!“
Harre auf Gott
Der Rechtsstreit liegt ihm vor, harre nur seiner. In der Guten Nachricht wird der Vers mit den Worten übersetzt: Hab nur Geduld, dein Fall ist ihm bekannt.
Die “Rechtssache Hiob” lag auf Gottes Schreibtisch. Nehmen wir uns etwas Zeit dafür.
Hiob hatte Gott angeklagt. Auf Anklagen antwortet Gott aber nicht. Warum nicht? Weil er dafür nicht die richtige Person ist. Angeklagt kann nur eine Person werden, die schuldig ist. Gott ist nicht schuldig. Niemals. Darum schweigt er zu unseren Anklagen.
Wir müssen uns bewusst machen was Gott ist. Ist er Rechtanwalt und Richter.
Dann müssen wir uns auch bewusst machen was der Satan, der Gegenspieler Gottes, ist.
Was sagt Jesus Christus:
Johannes 8,44: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er Lügen redet, so spricht er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.“
Er ist ein Mörder und Lügner: Neben Mord und Lüge gehört etwas anderes zu Satans Hauptbeschäftigungen:
Offenbarung 12,10: „Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.“
Tag und Nacht klagt Satan uns bei Gott an. Erst verführt uns zur Sünde und dann verpfeift er uns bei Gott. Er jammert Gott Tag und Nacht die Ohren voll darüber, wie böse wir sind. In Wahrheit ist er der und das Böse in Person. Satan müsste unentwegt auf der Anklagebank sitzen. Wenn es uns schlecht geht, stehen wir in der Gefahr Gott auf die Anklagebank zu setzen. Aber dann begehen wir einen fatalen Fehler. Wir setzen nämlich unseren Rechtsanwalt auf die Anklagebank.
Wer soll uns dann noch in der Rechtssache vertreten? Gott ist unser Rechtsanwalt. Er gab seinen Sohn damit wir von der berechtigten Anklage des Anklägers freigesprochen werden. Gott ist auch unser Richter, aber sein Rechtsspruch lautet auf Freispruch, denn sein Sohn nahm unsere Strafe auf sich. Gott vertritt unsere Rechte. Bei ihm sind wir gut aufgehoben.
Der Fall “Christian” war Gott also auch bekannt. Unser Anliegen lag längst auf Gottes
Schreibtisch. Mir war dieses Wort des Elihu eine ganz wichtige Hilfe für unsere Situation. Ich wusste – auch wenn Gott schwieg, dass er trotzdem handelt. Er würde uns nicht im Stich lassen. Er kennt unsere Not und beschäftigt sich damit. Was uns weh tut, tut auch ihm weh.
Was möchte Gott für unser Leben?
Er möchte, dass wir uns zuerst mit ihm beschäftigen, nicht mit uns – denn er beschäftigt sich ja bereits mit uns – das reicht. Er zählt die Haare auf unserem Kopf. Er kennt auch die Körperzellen, die tiefer liegen. Er kennt auch die Krebszellen. Er ist auch informiert über die Dinge, die mir nicht bewusst sind. Er kümmert sich um die Dinge, um die ich mich noch nicht einmal kümmerte – denn wer zählt schon seine Haare?
Er beschäftigte sich mit unserem Fall. Er sieht uns und unsere Not!
Unser Gebet
Was bleibt uns, wenn wir ganz unten sind? Es ist das Gebet!
Vielleicht wie in Psalm 130,1-2+5-6: „Aus der Tiefe rufe ich Herr zu dir. Herr höre meine Stimme. Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens. Ich harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn.“
Es bleibt uns das Schreien zu Gott, ein Rechnen mit ihm, ein unterordnen unter das, was er zulässt. Erst in der Unterordnung unter Gottes unbegreifliche Wege kommt der Mensch zur Ruhe!
Trotzdem
Elihu redet weiter. Er ist noch nicht am Ende. “Ich habe noch etwas für Gott zu sagen” (Hiob 36,2), sagt er. Noch sind Worte da, die für Gott sprechen. Elihu lässt sich nicht irreführen durch das Leid des Hiob. Seine Grundeinstellung ist “für Gott”. Er steht mit seinem ganzen Leben hinter Gott, auch im Angesicht des Leides. Leid birgt immer die Gefahr in sich, sich von Gott abzuwenden. Dem können wir nur entgegentreten, wenn wir uns im Angesicht des Leides trotzdem auf Gottes Seite stellen. Es ist ein bewusstes “TROTZDEM” Ein trotzen dem, was sich in uns gegen Gott sträubt.
Ich las weiter: „Siehe, Gott ist mächtig und verwirft niemand; er ist mächtig an Kraft des Herzens.“ (Hiob 36,5)…er ist mächtig und verwirft niemand. Hiob war nicht von Gott verworfen worden, auch wenn es so aussah.
Dann waren also Angelika und ich auch nicht von Gott verworfen, sagte ich mir. Es schaute ja fast so aus, als wenn wir verworfen worden wären. Wenn Gott nicht erhört, fühlt man sich verworfen. Da ist Gott der liebende Vater, der mehr lieben kann, als jeder irdische Vater, aber der schweigt. “Ja Gott, warum schweigst du? Hast du mich verworfen? Gibt es dich am Ende gar nicht?“ Doch hier steht: Gott ist mächtig und verwirft niemand…Dann sind wir wohl doch nicht verworfen worden von dir!? Bei den Mächtigen der Erde ist das was anderes. Sie verwerfen die, die ihnen nicht nach der Nase sind. Willkürlich rotten sie aus, wen sie wollen. Diktatoren sind brutal. Du, Gott bist viel mächtiger als alle Mächtigen der Erde zusammen. Du nutzt Deine Macht nicht aus zum Vernichten. Ja ich darf sogar zu dir kommen. Du bist da!
Widerspruch
Aber wie werde ich mit diesem Widerspruch dieser Liebe, die sich als lieblos erweist, fertig?
„Den Gottlosen erhält er nicht am Leben, sondern hilft dem Elenden zum Recht.“ ( Hiob 36,6)
Er hilft dem Elenden zum Recht. Das war es, was wir wünschten. Wenn ein kleines Kind, wie unser Christian, so leiden muss, dann empfindet man ein bodenloses Unrecht. “Das ist doch nicht gerecht, wenn ein unschuldiges Kind leiden muss“, sagt man sich. Wir empfinden es eher als gerecht, wenn man als erwachsener leiden müsste. Als Erwachsene haben wir Schuld auf uns geladen, da könnte man noch Leid als Sühnung/Strafe verstehen. Aber wofür soll ein unschuldiges Kind bestraft werden? Ja man kann sogar noch einen Schritt weitergehen und fragen: Leidet unser Kind weil wir Erwachsenen schuldig sind? Das konnte doch nicht sein.
Du Vater im Himmel würdest unserem Kind, ja auch uns, zum Recht verhelfen. Was bedeutet „Recht“? Zuerst denken wir dabei in unserem Fall natürlich an Heilung. Dass Gott unserem Kind die Gesundheit zurückgibt. Die zurückgegebene Gesundheit hier auf der Erde. Eben so, wie Hiob es erlebt hatte. Er bekam alles wieder.
Aber war dies das wahre Verständnis für “Recht schaffen”? Meint Gott das auch so?
Ich klammerte mich an die Worte aus den Reden Elihus. Sie berührten mich. Aus ihnen schöpfte ich Hoffnung. Hatte Hiob daraus auch Hoffnung geschöpft? Auffällig ist, dass er nach der Rede des Elihu schweigt. Vielleicht musste er über das nachdenken, was Elihu sagte. Mir jedenfalls war es in der Not mit Christian eine große Hilfe.
„Er wendet seine Augen nicht von dem Gerechten, sondern mit Königen auf dem Thron lässt er sie sitzen immerdar, dass sie groß werden.“ (Hiob 36,7) Gott hat also die Seinen im Auge, wie eine Mutter, die trotz aller Arbeit ihr Kind im Auge behält. Er sieht, was wir machen. Das Gute und das Böse. Er sieht unsere Not, er weiß um alles was auf uns einstürmt.
Gott möchte natürlich, dass wir es so machen wie Jesus es uns vorgelebt hat. Wir sollen Gott auch ständig vor Augen haben. Erst dann kann er uns mit seinen Augen leiten. Wenn er seine Augen auf die Gerechten gerichtet hat, dann, um sie zu leiten.
„Und wenn sie gefangen liegen in Ketten und elend, gebunden mit Stricken, so hält er ihnen vor, was sie getan haben, und ihre Sünden, dass sie sich überhoben haben, und öffnet ihnen das Ohr zur Warnung und sagt ihnen, dass sie sich von dem Unrecht bekehren sollen.“ (Hiob 36,8-10)
Gott hatte uns, mit seiner Zulassung, in ein Gefängnis geführt. Wenn uns etwas Schreckliches passiert, ist das in den meisten Fällen eine göttliche Zulassung. Gott führt uns auch durch Dinge die er einfach geschehen lässt in unserem Leben.
Erlebtes Leid ähnelt einem Gefängnis. Wir können nicht mit dem Finger schnipsen und sind die Not los. Leid nimmt uns gefangen. Leid raubt uns gewissermaßen die Verfügungsrechte über uns.
Ich musste erkennen, dass ich als Kind Gottes nicht über mich verfügen kann.
Auch Jesus konnte nicht über sich verfügen. Auch er bat darum, dass der Kelch an ihm vorüber gehen mochte. Aber der Kelch ging nicht an ihm vorüber. Der Kelch musste von ihm ausgetrunken werden. Jesus war es wichtiger, dass er den Willen Gottes tat, als selber über sein Leben zu bestimmen. Gerne würden wir den Kelchen unseres Lebens ausweichen. Wir müssen sie auch nicht suchen, aber wir sollten bereit sein, sie zu trinken. Jeder Kelch hat seinen Sinn. Jesus trank den Kelch und schuf damit unsere Erlösung von unseren Sünden
Wohin wollte Gott uns haben? Wohin wollte er mich haben?
„Gott öffnet das Ohr zur Warnung.“ Hiob??. Das klang wenig tröstlich in unserer Situation. Er möchte, dass wir anfangen, seine Erziehung an uns zu bejahen. Dass wir lernen ihn zu hören und ihm zu folgen.
„Gehorchen sie und dienen ihm, so werden sie bei guten Tagen alt werden und glücklich leben. Gehorchen sie nicht, so werden sie dahinfahren durch des Todes Geschoß und vergehen in Unverstand. Die Ruchlosen verhärten sich im Zorn. Sie flehen nicht, auch wenn er sie gefangen legt; so wird ihre Seele in der Jugend sterben und ihr Leben unter den Hurern im Tempel.“ (36,11-14)
Gehorsam und Ungehorsam haben Folgen. Aber welche? Hiob war Gott gehorsam. Aber welche Not machte er gerade durch? Und Jesus war auch Gott gehorsam, aber was bedeutete das für ihn? Phil.2.8-9: „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist.“ Dem Gehorsamen verspricht Gottes Wort nicht unbedingt ein langes Leben.
Wer Gott gehorsam ist, wird den Sieg bekommen. Auch wenn der Sieg erst in der Ewigkeit zur Vollendung kommt. Gott den Gehorsam zu verweigern bedeutet mit den Worten aus obigem Bibelvers: Tod im Unverstand. Das heißt: Wer Gott nicht gehorcht ist dumm (und wird immer dümmer), auch wenn er voller Weltweisheit ist.
Aber worin bestand nun unser Gehorsam? Sicher erst einmal durch den nächsten Schritt.
Auf Gott hören
„Aber den Elenden wird er durch sein Elend erretten und ihm das Ohr öffnen durch Trübsal“ (Hiob 36,15)
Hiobs Elend war entsetzlich. Er saß in der Asche und kratzte seine Geschwüre. Eine andere Erleichterung gab es nicht. Gott gab ihm auch keine Erleichterung. Seinen drei Freunden waren die Worte ausgegangen, was auch gut war. Sie hatten Hiob genug damit gequält. Nun sollte ihn sein eigenes Elend erretten? Sein Ohr würde geöffnet werden durch Trübsal?
Trübsal öffnet uns das Ohr. Wenn wir das nicht zulassen, fangen wir an zu fluchen. Unser Leben schien uns verflucht zu sein, aber Fluchen war keine Lösung. Fluchen ist ein Gefängnis, denn letztlich trifft der Fluch wieder uns selber. Fluchen befreit nicht, aber Fluchen verbittert.
Errettet werden aus der Not, darauf kam es dem Hiob doch an. Endlich raus aus der Gefangenschaft der Krankheit und des Verstoßen seins.
Trübsal öffnet das Ohr. Weil man nach Antworten schreit, sucht man sie, will man hinhören.
Ich wusste: “Gott hat die Antwort auf meine Fragen!” Doch wann würde er sie geben? Wann würde sein erlösendes Wort kommen, dass er unserem Kind das Leben neu schenkt!” Aber warum sollte Gott mich erhören? Es gab doch genug Kinder die auch einfach so starben.
Wie würde Gottes Antwort für uns aussehen? Was würde sein Ziel sein? Was sollte der Sinn dieses Elends sein?
Ich musste bei dem Wort: „Aber den Elenden wird er durch sein Elend erretten“ an Jesus denken: Aber – Gott setzt ein „Aber“ davor. Ein Aber ist ein Einspruch. Gott selber hat einen Einspruch gemacht. Er lässt dem Elend nicht ungehindert seinen Lauf. Der Teufel soll nicht denken, er kann immer so weiter machen. Gottes ABER wurde eine Person – Jesus. Den Elenden, wird er durch SEIN Elend erretten. Durch das Elend, das er selber auf sich genommen hat durch Jesus am Kreuz.
Das Elend Jesu wird den Durchbruch zur Befreiung aus meinem Elend bewirken.
Elihu hatte bis zu dieser Stelle allgemein geredet. Nun wird er ganz persönlich. Er wendet das Gesagte auf Hiob an. Mögen die Probleme noch so groß sein, es gilt, auf Gottes Wort zu achten.
„So reißt er auch dich aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, wo keine Bedrängnis mehr ist; und an deinem Tische, voll von allem Guten, wirst du Ruhe haben.“ (36,16)
Hiob hatte wahrlich den Rachen der Angst kennen gelernt. Würde noch etwas kommen, das ihn endgültig zugrunde richtete? Hiob war des Leidens müde. Der Rachen der Angst gibt seine Beute so schnell nicht her. Menschen mit einer Phobie kennen das. Sie möchten so gern schnell überwinden, aber der Rachen der Angst lässt sie nicht so schnell los.
Bei Gott aber ist Freiheit. Er wird nicht zulassen, dass der Rachen der Angst die Seinen für immer gefangen halten kann.
Bei Gott ist weiter Raum und dahin will er die Seinen führen. Einzelhaft in engen Zellen ist eine Erfindung des Menschen. Bei Gott aber ist Weite. Wie weit Gott ist, erkennen wir deutlich am Universum. Die Größe der Sterne ist schon erstaunlich, aber noch erstaunlicher ist die Weite zwischen den Sternen.
Geistlich gesehen führt Gott jeden Menschen, den er von seiner Schuld befreit, in seine Weite.
Aber nicht nur Sünde führt in die Enge sondern auch Not. Aus dieser würde Gott Hiob herausholen, davon war Elihu fest überzeugt. Das sind mutmachende Worte für einen geplagten Menschen.
Würde Gott uns auch in diese Weite führen? Würde er uns herausführen aus dem Rachen der Angst? Würde er uns herausführen aus der Angst vor dem Tod unseres Kindes? Würde er uns herausführen aus der Angst, dass Gott anders entscheidet, als wir erhofften. Würden wir an einem Tisch voll mit Gutem Ruhe finden? Würde Christian uns neu geschenkt werden?
Anfechtung und Flucht
Elihu denkt, dass Hiob mit falschen Reaktionen Gottes Handeln auch verzögern, ja erschweren könnte. Letztlich würde er aber sein eigenes Los erschweren. Das möchte Elihu nicht, darum sagt er:
„Wenn du aber richtest wie ein Gottloser, so halten dich Gericht und Recht fest.“ (Hiob 36,17) Jede Not ist eine Anfechtung für uns. Sie kann uns zu falschen Reaktionen “verführen”. Darum gilt es, wachsam zu sein. Die Auswege aus der Not sind so verschieden, wie wir Menschen verschieden sind, doch es gibt bestimmte Grundformen der Flucht aus der Not.
Beschuldigen
Auch als Christen stehen wir in der Gefahr, wenn wir in eine Notsituation geraten sind, zu richten wie ein Gottloser. Wir suchen einen Schuldigen und in unserem Eifer finden wir schnell jemanden und denken: Meine Eltern sind an allem Schuld. Oder: Meine Mitmenschen sind an allem Schuld. Mein Vorgesetzter ist an allem Schuld. Schließlich: Gott ist an allem Schuld.
So werden andere und Gott vor Gericht gezogen, als wären sie an unserem Unglück Schuld.
Allerdings ist es keine wirkliche Hilfe für uns, wenn wir beschuldigen. Mit dieser Methode stellen wir uns vielleicht sogar gegen die, die uns Helfer sein könnten. Im schlimmsten Fall gehen wir an Gott vorbei.
Wir stehen auch in der Gefahr das zu verpassen, was Gott durch diese Not in uns bewirken möchte. Mit Richten versperren wir Gott den Weg für sein Heil und bleiben dabei außerdem Gefangene unserer Not.
Zorn
Die zweite und dritte Möglichkeit der Notbewältigung ist ebenso zu verwerfen wie die erste. Elihu sagt: “Sieh zu, dass nicht dein Zorn dich verlockt oder die Menge des Lösegeldes dich verleitet.” (Hiob 36,18)
Zorn und Lösegeld sind keine Mittel zur Notbewältigung.
Wir machen ja, wenn wir in Not geraten eine Palette von Gefühlen durch. Eine davon kann Zorn sein. Zorn ist nicht grundsätzlich schlecht… Zorn ist auch mal „normal“ – und Gott versteht uns auch, aber wir sollen ihn nicht manipulativ einsetzen oder im Zorn verharren! Mit Zorn lässt sich manches erreichen. (Wenn der Papa zornig ist, springen alle anderen.)
Aber Gott springt nicht, wenn wir zornig sind. Sicher darf ich mit Allem zu Gott kommen, auch mit meinem Zorn. Aber Zorn als Rebellion beeindruckt Gott nicht.
Zorn zeigt nur, welche Rebellen wir sind und welche Rebellion in uns steckt. Wenn wir zornig sind, dann zeigt uns Gott eigentlich erst einmal, wer und wie wir sind. Was wir da sehen ist oft wenig schmeichelhaftes. Wir hätten nicht gedacht, dass wir so sind, wie wir sind. Not offenbart unseren wahren Charakter. Wenn wir im Zorn verharren kommen wir bei Gott nicht weiter.
Lösegeld
Die dritte Möglichkeit der Notbewältigung wird mit „Lösegeld“ beschrieben. Wie kommen wir mit Lösegeld aus der Not heraus? Lösegeld wird von Geiselnehmern für die Freilassung ihrer Geisel gefordert. Ein unschuldiger Mensch wird gefangen genommen und die “Besitzer” der Geisel erpressen nun dessen Angehörige. Was soll uns das hier sagen?
Lösegeld fordern heißt doch, den Versuch zu unternehmen, auf Kosten anderer zu seinem vermeintlichen Recht zu kommen. Das ist Erpressung, keine vertrauensvolle Bitte. Ein ungeheurer Druck wird auf andere ausgeübt.
Sollen wir auf andere Druck ausüben, damit es uns besser geht? Unsere Forderungen an andere gleichen manchmal mehr einer Erpressung, als einer vertrauensvollen Bitte.
Beten als Druckmittel zur Befreiung aus der Not scheidet also auch aus.
Sackgassen
Aber Elihu ist noch nicht fertig. Wir Menschen sind einfallsreich in unserer Suche nach einem Ausweg aus der Not, darum sagt Elihu: “Wird dein Geschrei dich aus der Not bringen oder alle kräftigen Anstrengungen?” (Hiob 36,19)
Hier werden wieder zwei Möglichkeiten aufgezeigt, mit denen wir versuchen uns aus der Not zu befreien: Geschrei und Anstrengungen.
Manchmal werden wir recht kindisch wenn wir in Not geraten und wir schreien wie Kinder. Ich meine hier nicht echte Tränen der Verzweiflung. Hier geht es um ein ungutes auf sich aufmerksam machen: “Seht ihr denn nicht, wie es mir geht? Warum kommt denn keiner und tröstet mich?” Geschrei wendet sich an die Menschen als Helfer aus der Not. Aber können uns Menschen wirklich aus unseren tiefsten Nöten befreien?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen uns letztlich nicht helfen können. Das kann nicht einmal unser Ehepartner oder unser bester Freund. Einander in der Not zu trösten ist zwar schon eine große Hilfe, aber in den tiefen Abgrund unserer Not hat nur Gott Zugang. Es geht mir nicht darum, Menschen den Zugang zu unserem Herzen zu verwehren, aber Gott allein hat den wahren Trost der tröstet. Er tröstet, wie einen seine Mutter tröstet.
Ein weiterer Versuch ist, die Not mit Anstrengungen und Arbeit zu vertreiben. Irgendetwas müssen wir doch tun können, um selbst aus der Not herauszukommen. Wir wollen doch nicht nur herumsitzen. Jeder, der in Not gerät, wird auf irgendeine Form aktiv werden. Aber Aktivität allein löst nicht die Not. Mehr tun bedeutet nicht, dass es automatisch besser geht. Eine höhere Dosierung bei der Chemotherapie garantiert nicht Heilung, sondern kann den Patient noch mehr schwächen.
Aktivität kann Zur Droge werden, sie kann Flucht vor der Auseinandersetzung mit sich selbst sein. Flucht aber bewirkt keine Bewältigung des Leides. Sie mag zwar den stärksten Schmerz verdrängen, aber sie lässt unbewältigten Schmerz oder auch Menschen im Leid zurück. Wie viele Ehepartner sind schon ihrem, in eine unheilbare Krankheit geratenen Partner, davongelaufen? Damit haben sie zwar ihre Not scheinbar erleichtert, aber die Not des andern umso unerträglicher gemacht.
Es gibt noch mehr Wege der Not zu entrinnen. Elihu spricht mit Hiob: “Sehne dich nicht nach der Nacht, die Völker wegnimmt von ihrer Stätte!” (Hiob 36,20) Nacht, als Hilfe aus der Not. Was ist hier gemeint? Wie ist das zu verstehen?
Viele Menschen wählen die „Nacht“, den Selbstmord, um der Not ein Ende zu machen. Das Elend ist dadurch zwar abrupt beendet, aber Gott kann man nicht ausweichen. Mit dem, wovor man floh, steht man erneut vor Gott. Selbstmord ist kein Mittel der Problemlösung. Es ist nur ein Ausweichen – ein Wegschieben.
Welch ein Elend machen auch oft die Angehörigen derer durch, die durch Selbstmord der Not davon gelaufen sind. Warum? Ein Mensch, der stirbt, kann auf angemessene Weise betrauert werden. Ein Selbstmörder kann nicht auf angemessene Weise betrauert werden, denn oft schämen sich die Angehörigen. Zudem leiden die Angehörigen mehr unter dem Selbstmord der Person, als wenn sie auf natürliche Weise gestorben wäre. Hier wäre besonderer Trost notwendig. Aber aus Hilflosigkeit wenden sich die meisten Menschen ab. Der Tod kann keine Lösung zur Bewältigung des Lebens sein.
Also gibt Elihu Hiob zu bedenken dass der selbst herbeigeführte Tod nur eine weitere Sackgasse ist.
Dann spricht Elihu von einer letzten Sackgasse der Notlösungsversuche: “Hüte dich und kehre dich nicht zum Unrecht, denn Unrecht wählst du lieber als Elend!” (36,21)
Wer wählt schon gerne Elend. Viel leichter ist es, auf Unrecht mit weiterem Unrecht zu antworten. Aber wo wir Unrecht tun, da kommen wir nicht zur Ruhe. Auch wenn wir für den Augenblick Entlastung finden, wird die Not immer tiefer. Unrecht tun ist also auch kein Weg um aus der Not herauszufinden.
Alle eigenen Versuche, der Not zu entkommen kosten uns Kraft. Sie kosten auch Kraft, weil es EIGENE Wege sind. Auch wenn unsere eigenen Wege uns am leichtesten fallen, kann Gott sie nicht gelten lassen. So sehr wir auch selber aktiv werden wollen, wenden wir dabei doch schnell den Blick von Gottes Wegen. Eigene Wege sind niemals Gottes Wege.
Der Ausweg – Gott ist groß
Hat nun Elihu überhaupt einen Ausweg für Hiob? Oder ist er wie einer der drei anderen Freunde die Hiob in die Verzweiflung führten?
Ja, Elihu hat einen Ausweg für Hiob. Aber zuvor richtet er Hiobs Blick noch auf die Größe Gottes: (bevor er ihn nennt, sagt er ihm einen erstaunlichen Gedanken): “Siehe, Gott ist groß in seiner Kraft; wo ist ein Lehrer, wie er ist?” (Hiob 36,22)
Gott ist groß in seiner Kraft. Dies war ein Gedanke, der mir in der Situation mit Christian geholfen hat. Ich sagte mir: Wenn Gott groß ist in seiner Kraft, dann hat er Lösungsmöglichkeiten, die außerhalb meiner Kraft liegen. Gottes Lösungsmöglichkeiten sind kraftvoller.
Wie diese im Einzelfall aussehen, entzieht sich aber unserem Einfluss.
(Wo ist ein Lehrer wie er ist?) Wenn Gott mein Lehrer ist, dann bin ich automatisch in der Position eines Schülers. Er ist der Lehrende ich der Lernende. Der Unterrichtsstoff ist das Leben, so wie es gerade ist. Was muss /darf/soll ich lernen? “Wer will ihm weisen seinen Weg, und wer will zu ihm sagen: »Du tust Unrecht«?” (Hiob 36,23)
Wie Gott mit der Notsituation in unserem Leben fertig werden würde, wussten wir nicht. Es war uns alles aus der Hand genommen. Gott lässt sich keine Vorschriften machen.
Hilflosigkeit ist demütigend. Aber hing nicht Jesus auch so am Kreuz? Völlig hilflos war er ausgeliefert und er wehrte sich nicht dagegen. Er wurde eben nicht selbst aktiv, wie wir es gern tun. Auch wenn ihn der Vater verlassen hatte, blieb er in dieser demütigenden Hilflosigkeit. Völlig nackt vor aller Welt ließ ihn Gott dort hängen, bis er starb. Menschlich gesehen auf jeden Fall sinnlos. Aber den Willen Gottes im eigenen Leben annehmen und zulassen ist immer sinnvoll.
Und nun führt Elihu Hiob an einem entscheidenden Punkt: “Denk daran, dass du sein Werk preisest, von dem die Menschen singen.” (Hiob 36,24) Statt zu klagen, Hiob, lobe Gott!
Ja Gott wollte, dass ich ihn auch in unserer Not preise. Ich weiß nicht mehr wie ich das damals geschafft habe. Ich sagte mir: Nicht ich bin wichtig. Nicht meine aussichtslose Lage ist wichtig. Nicht meine Not ist wichtig. Ganz allein Gott ist wichtig.
Irgendwie habe ich gelernt, Gott dafür zu danken, dass er weiß wozu Christians Krankheit gut ist. Aber ich denke, auch wenn ich Gott pries, so doch mehr, indem ich mich meinem „Schicksal“ fügte, als dass ich von der Richtigkeit dessen, was Gott tat, überzeugt war.
Als ich dann im Buch Hiob weiter las, wurde ich fast zornig. Denn ich konnte nicht verstehen, warum Gott hier in der Not Hiob über die Schöpfung spricht. Manchmal können wir über unsere Sorgen Gott nicht verstehen.
Da spricht Gott direkt von seiner Schöpfung. Ich sagte mir, was soll das? Hiob hatte doch ganz andere Sorgen als die Schöpfung. Der sitzt doch in der Asche und kratzt sich. Was soll da der Hinweis auf die Schöpfung? Also legte ich die weiteren Kapitel aus Hiob beiseite. Später sollten sie mir ganz wertvoll werden.
Ein Leben geht zu Ende.
Es war Ende Juli 1979. Christian ging es in diesen Tagen nicht gut. Sein Körper war ziemlich aufgedunsen, denn die Leberzierrose war weit fortgeschritten und es hatte sich viel Wasser in seinem kleinen Körper angesammelt. Nun sollte im Bezirkskrankenhaus durch eine Punktion das Wasser aus seinem Körper entfernt werden.
Am 30. Juli brachten wir ihn dorthin. Eltern durften damals die Kinderstation nicht betreten. So gaben wir unser Kind ab. Christian schrie schrecklich. Er hatte Angst und wir hatten auch Angst. Wir durften nicht bei ihm bleiben. Doch was sollten wir tun? Wir brauchten doch die Hilfe der Ärzte. Wieder mussten wir unser Kind in die Hände anderer geben. Es war das letzte Mal dass wir Christian schreien hörten.
Am nächsten Tag, dem 31. Juli, war der Geburtstag von Angelika.
Auf dem Weg ins Krankenhaus machten wir noch einen Besuch in Rutzenmoos. Recht unbekümmert fuhren wir von dort aus weiter, um Christian vom Krankenhaus abzuholen. Er sollte bei uns sein, wenn wir den Geburtstag von Angelika feierten. Wir hofften, dass er ohne Schmerzen dabei sein konnte.
Als wir im Krankenhaus ankamen, durften wir auf einmal die Kinderstation betreten. Eine Schwester führte uns an sein Bettchen. Sie blieb nur kurz da und beantwortete unsere Fragen.
Christian lag bereits im Koma. Neben ihm zwei Krüge mit Körperflüssigkeit. „War soviel Wasser in seinem Körper?“ „Ja, das ist alles von ihm!“ Wir nahmen unseren Sohn in unsere Arme. Unsere Unbekümmertheit war verflogen. Die Schwester konnte nur schwer ihre Tränen unterdrücken. Christian wurde zum Sterben nach Hause entlassen. Die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. Mir war bewusst, dass Christian heute noch sterben würde. Auf dem Weg nach hause teilte ich Angelika meine Gedanken mit. Sie wünschte: „Bitte nicht heute! Denn jeder Geburtstag wird mich dann an seinen Tod erinnern.“ Zu Hause angekommen, benachrichtigten wir Freunde und Bekannte. Sie kamen zu uns und wir saßen wartend und betend in unserem Wohnzimmer zusammen. Gegen 10 Uhr Abends starb Christan in den Armen von Angelika. Der Arzt kam stellte den Tod fest, der Bestatter kam und holte Christian ab. Die Freunde gingen. Jetzt waren wir allein.
Gott hatte kein Wunder getan. Hatten wir etwas falsch gemacht? Hatten wir nicht richtig geglaubt? Wir waren wie betäubt. Wir lebten zwar noch hier in Gmunden, aber eigentlich gehörten wir nicht mehr hierher. Alles schien uns weit weg zu sein.
Aber unsere Mirjam ist noch da. Von ihr habe ich bis jetzt noch nicht erzählt.